Wie man ein Radiofeature macht

Gemütliches Radio von WEGA aus der Vorzeit

Gemütliches Radio von WEGA aus der Vorzeit (Quelle: pixabay.com, CC0 Public Domain)

Update: Am Wochende des 27. und 28.02.16 wird das Feature vom WDR wiederholt und steht auch einige Zeit danach als Download zur Verfügung.

Am 16. November lief um 20:05 Uhr „Pop will eat itself – Vom Musikmachen mit Musik“ im Deutschlandfunk. Es ist mein erstes allein verantwortetes Radiofeature. Der Titel dieses Blogbeitrags ist natürlich übertrieben. Aber ich nehme die Sendung zum Anlass aufzuschreiben, was ich gelernt habe.

Hinweise, Tipps und Feedback für die Arbeit am Feature habe ich von zwei erfahrenen Kollegen erhalten. Maike Hildebrand ist seit Jahren als Autorin für das Radio tätig und produziert regelmäßig hervorragende Features (eines unter vielen: „Wenn Geld umsonst ist„). Sie half mir vor allem dabei, die Hürde des leeren Blatts zu überwinden und einen guten Anfang zu finden. Fabian von Freier ist einer der besten Hörfunkregisseure, die ich kenne. Im letzten Jahr hatte ich schon das Vergnügen der Zusammenarbeit mit ihm. Er nahm sich viel Zeit, um die erste Fassung mit mir zu besprechen und gab mir ein ehrliches und wertvolles Feedback. Gesegnet sind die, die solche local gurus an ihrer Seite haben.

Das Exposé

Das Exposé steht am Anfang eines Featureprojekts. Ich möchte ja nicht ins Blaue hinein recherchieren und schreiben, sondern eine feste Zusage haben. Das Exposé ist alles dies: ein Vorschlag, die Projektbeschreibung, ein Marketingpapier und die Grundlage für den Auftrag, den der Autor (hoffentlich) erhält. Wichtig ist: Ich schreibe es vor allem für den Redakteur oder die Redakteurin des Senders. Das Exposé ist keine Kurzfassung des Features.

Die wesentliche Bestandteile eines Exposés:

  • Worum geht es? Was ist das Thema? Welche Fragen möchte ich beantworten?
  • Wen möchte ich dazu befragen?
  • Wie gedenke ich, das Thema radiophon umzusetzen?
  • Welche Art der Präsentation macht das Thema für das Radio reizvoll, eindringlich und verständlich?

Die Interviews

Nicht jedes Features enthält O-Töne aus Interviews, die der Autor führt. Wenn aber, dann können die folgenden Hinweise hilfreich sein:

Ich habe mich zunächst mit der Technik vertraut gemacht. Da ich nicht jeden Tag Interviews führe, merkte ich schnell, dass es gar nicht so einfach ist, einerseits ein ungezwungenes und (für den Hörer) interessantes Gespräch zu führen und anderseits sicherzustellen, dass alles einwandfrei aufs Band kommt.

  • Ich musste natürlich wissen, wie ich das Aufnahmegerät handhabe (z. B. mit einem Blick kontrollieren können, ob das Ding aufnimmt)
  • Als Durchschnittswert für die Aussteuerung empfahl mir ein Tontechniker -6db; vor allem natürlich nicht übersteuern.
  • Eine ausreichend große Speicherkarte plus Ersatz dabei haben (hatte ich bei einem Interview nicht!) und natürlich auch Akkus oder Batterien zum wechseln.
  • Notwendig ist ein externes Mikrophon, welches ich nach Möglichkeit meinem Interviewpartner nah vor den Mund hielt (intensiv, nah, gut nachzubearbeiten). Hält man das Aufnahmegerät mit der Hand, gibt es zwangsläufig Nebengeräusche. Auch mit dem Mikrokabel muss man aufpassen, kleine Bewegungen machen sich störend bemerkbar.
  • Vor Ort immer mit Kopfhörer vorhören, damit mir nicht die Kaffeemaschine oder der Kühlschrank entgeht, die mit bloßem Ohr kaum hörbar ist.
  • Wenn es keine Außenaufnahmen sind (Achtung: Windschutz!) und es nicht um Atmosphäre, sondern nur um die Sprache geht, dann einen Raum mit wenig Hall auswählen. Ein ‚trockener‘ Ton lässt sich im Studio am besten schneiden und bearbeiten.
  • All das habe ich mit einigen Probeinterviews prüfen können: Ich erfuhr dabei, was das Gerät hört und wie laut es das tut.

Ich habe mir für die Interviews einen Fragenkatalog erstellt und – in großer Schrift – ausgedruckt. Die Erfahrung damit ist zwiespältig. Erstens hatte ich während des Interviews nicht wirklich Zeit und Gelegenheit, die Fragen vom Zettel zu lesen. Vielleicht noch wichtiger: Im Idealfall nimmt das Interview seinen natürlichen Verlauf und verwandelt sich in ein zwangloses Gespräch. Das Lesen lenkt vom Gespräch ab. Es kommt leicht vor, dass vorbereitete Fragen nicht passen und den Gesprächsfluss geradezu unterbrechen. Natürlich versuchte ich sicherzustellen, dass ich wichtige Fragen, die ich vorbereitet hatte, auch stellte; dies jedoch eingebettet in den Gesprächsfluss.

Für die Zukunft gilt: Ich sollte mir keine allzu großen Sorgen machen, dass mir die richtigen Fragen einfallen. Bevor ich zu einem Interview gehe, habe ich meist schon eine längere Vorbereitungszeit hinter mir. Ich bin im Thema drin. Der Rest ergibt sich von selbst.

Meiner Erfahrung nach wichtiger ist:

  • Ein bisschen über den Gesprächspartner lesen: Was hat er gemacht? Womit beschäftigt er sich? Was hat er gesagt? Eventuell hilft die Konfrontation mit einem Zitat, das Gespräch in die gewünschte Richtung zu bringen.
  • Immer daran denken, dass ich als Autor schon wesentlich mehr über das Thema weiß, als der Hörer oder die Hörerin, für die die Sendung produziert wird. Auch wenn die Fragen einfach oder unwissend erscheinen: Genau dies ist die richtige Haltung. Es geht darum, dass der Gesprächspartner dem Hörer zum Thema erzählt, Zusammenhänge erklärt und Beispiele nennt. Deshalb heißt es O-Ton. Der Autor ist – in diesem Fall zumindest – nur Auslöser und Anlass, den Experten zum Sprechen zu bringen.
  • Will sich der Autor, im Interview später nicht hören, dann muss zwangsläufig alles, was wichtig ist, vom Gesprächspartner gesagt werden: ich hatte z. B. den Komponisten und Medienprofi Johannes Kreidler im Interview; wenn ich ihn mit einem Zitat aus seinen eigenen Veröffentlichungen konfrontierte, schlug er regelmäßig vor, dies noch einmal selbst ins Mikrophon zu sprechen. God bless him. Später konnte ich immer noch entscheiden, ob ich das Zitat als Autorentext brachte oder den Interviewpartner zu Wort kommen ließ.
  • Immer fragen, wenn man etwas nicht kennt oder versteht. Dem Hörer und der Hörerin wird es vermutlich genauso gehen. Ich habe das an einigen Stellen versäumt und später schmerzlich bedauert. Was der Interviewpartner nicht erklärte, weil ich nicht gefragt habe, kann ich im nachhinein nur als Autorentext bringen.

O-Töne: Transkription und Auswahl

Als ich alle Interviews beisammen hatte, begann das Transkribieren. Da ich im Vorfeld nicht wissen konnte, was ich alles brauchte, kam ich nicht darum herum, alles vom Band/der Festplatte zu übertragen. Bei fünf Stunden Interviewzeit kamen da einige Tage Arbeit zusammen.

Ein Tipp für diejenigen, die keine separate Transkriptionssoftware anschaffen wollen: Der VLC-Player lässt sich so konfigurieren, dass man globale Tastaturkombinationen einstellt. Das bedeutet: Man legt einen Tastenbefehl fest, den man aus LibreOffice (oder einem anderen Office-Programm) heraus verwenden kann. Bei mir sieht das so aus:

Extras – Einstellungen – Hotkeys:

Aktion Hotkey Global
Abspielen/Pause keine Änderung Alt + Enter
Sehr kurzer Sprung zurück keine Änderung Alt + Backspace
Sehr kurzer Sprung vorwärts keine Änderung Alt + Page Down

Welche Tastaturkombinationen man verwendet, obliegt dem eigenen Geschmack. Maßgabe: Sie sollte nicht vom Textprogramm verwendet werden und bequem während des Schreibens erreichbar sein. Auf diese Weise kann man abspielen/anhalten, kurz zurück oder vorwärts spulen, ohne das Textprogramm zu verlassen.

Während des Transkribierens habe ich – so gut es ging – schon eine Vorauswahl getroffen:

  • Was will ich auf jeden Fall drin haben?
  • Welche Aussagen und Teile des Interviews sind
    • wesentlich für das Thema,
    • besonders einprägsam,
    • enthalten griffige Beispiele,
    • sind besonders lebendig, anschaulich, konfrontativ etc.

Am Anfang meiner Fragen, den Antworten dazu und innerhalb von längeren Passagen habe ich mir einen Timecode eingefügt, der für mich nachvollziehbar war, wie z. B. XX-HHMMSS (Kürzel für Interviewpartner, Take etc., dann Stunde, Minute, Sekunde). Je sorgfältiger ich hier vorging, desto weniger Arbeit hatte ich später.

Das Schreiben

Dazu möchte ich nicht viel sagen. Die Ansätze, Stilvarianten und persönlichen Arbeitsmethoden sind zu unterschiedlich.

Hier eine Liste mit acht Maximen, die ich mir von Maike Hildebrand abgehört habe und die mir als Anhaltspunkt gedient haben:

  1. So schreiben, als würde ich mündlich erzählen. Und zwar einem/einer Dreizehnjährigen.
  2. Pro Textblock (z. B. zwischen den O-Tönen) nur eine Idee, ein Gedanke. Nicht mehr.
  3. Immer wieder laut vorlesen, was ich geschrieben habe.
  4. Mutig sein, frech, herausfordernd – aber immer wertschätzend.
  5. Immer wieder: Was ist meine Kernidee? Worum geht es? Was will ich eigentlich sagen?
  6. Von den O-Tönen ausgehen: diese sprechen lassen.
  7. Einfache Sprache, wenige Fremdworte, kurze Sätze.
  8. Nicht belehrend, pädagogisch oder moderierend.

Ein weiteres noch: Ich habe mir eine rohe Version des Features gezimmert und also mit einem Audioprogramm O-Töne, meine Autorentext, Musiken usw. mehr schlecht als recht zusammengeschnitten. Dazu habe ich Audacity verwendet. Das ist nicht jedermanns Sache, und ich muss sicherstellen, dass ich mich nicht in der Technik verliere. Mir half es jedoch bei den folgenden Punkten:

  • Feststellen, wie viel Zeit ich für was brauche. (Ich musste früher oder später die Sendezeit im Auge behalten. Es tut weh und ist gar nicht so einfach, wenn man am Ende 10 Minuten raus kürzen muss.)
  • Ich bekam einen Überblick darüber, welche O-Töne wie geschnitten werden mussten und/oder konnten. Was ich mir im Kopf vorstelle, muss in der Realität noch lange nicht so funktionieren. So wollte ich beispielsweise vom Gesprächspartner X die Aussage Y einzubauen, stellte jedoch fest, dass X am Ende der gewünschten Passage die Stimme anhob. Das mag fallweise funktionieren; es kann aber auch gut sein, dass der Hörer sich in diesem Augenblick fragt: „Ah, der Text geht noch weiter! Was hat er wohl noch gesagt?“
  • In „Pop will eat itself“ gibt es viele Musikkollagen. Ich konnte diese als Rohbau vorher ausprobieren und hatte so bei der Produktion eine präzise Vorstellung, was möglich ist und wie das Klangmaterial präsentiert werden muss/kann.
  • Beim Hören der eigenen Produktion stellte ich fest, was akustisch funktioniert, wo Anschlüsse logisch und nachvollziehbar sind, und wo es hakt.

Aber: Mein Privatschnitt war und blieb eine Skizze, ein Werkzeug, um das Schreiben zu unterstützen. Was später im Studio passiert, ist eine andere Sache. Der Unterschied zwischen meiner ersten Fassung in Eigenregie und dem fertigen Radiofeature ist in etwa so groß, wie der zwischen dem Pappmodell, welches sich der Hausherr in spe zusammen schustert und dem fertigen Bauwerk, welches Architekt, Statiker, Maurer, Zimmermann und Dachdecker am Ende gebaut haben. Dennoch, der Hausherr stellte viele Fragen, die er vor dem Pappmodell nicht hätte stellen können.

O-Töne, Atmos und Musik

In meinem Fall ging es um Musik. Die hatte ich natürlich weitestgehend schon ausgewählt. Braucht man Atmos, dann sollte man sie entweder selbst aufnehmen oder eine Vorstellung davon haben, was man für die Produktion benötigt. Dies richtet sich sehr individuell nach Thema und Ansatz des Features. Meistens helfen die Fragen: Wie will ich die Geschichte auf akustischer Ebene erzählen? Wie bringe ich dem Hörer eine bestimmte Aussage, Idee, Atmosphäre oder Szenerie nahe? Alles mitnehmen, was man im Augenblick bekommen kann. Auswählen kann man später.

Der Sender mag einem vorschlagen, dass man das O-Tonmaterial selbst schneidet oder im Vorfeld der Produktion von einem Tontechniker schneiden lässt. Wer keine Erfahrung im Schnitt hat, sollte auf jeden Fall ein solches Angebot nutzen. Der Schnitt ist ein Handwerk genau wie Goldschmied oder Installateur. Das lernt man nicht in zwei Tagen.

Die O-Töne müssen zeitlich so weit vor dem Produktionstermin geschnitten vorliegen, dass der Regisseur diese durch hören kann.

Die Produktionsvorbereitung

Als das Manuskript vorlag, schickte ich es dem Redakteur, der – oh Wunder – nicht allzu viel Änderungen wünschte. Ich hatte aber auch eine eine vertrauensvolle Person, einen Profi, der das Werk kritisch gegengelesen hatte.

Nach der Abnahme durch die Redaktion – wie gehen hier davon aus, dass alles mehr oder weniger durchgewunken wird – wird man im Normalfall vom Regisseur kontaktiert. Der hat vielleicht einige Fragen, möchte die O-Töne, Musiken und Atmos hören und sucht vielleicht Anregungen für die Besetzung.

Die Produktion

Führt der Autor nicht selbst Regie, ist es nicht unbedingt üblich und schon gar nicht bezahlt, dass er während der Produktion anwesend ist. Wer Zeit und Möglichkeit dazu hat, sollte es machen. Erstens erweitert die Arbeit mit Fachleuten den eigenen Horizont und zweitens kann man mit Sicherheit helfen:

  • bei der Auswahl von Musiken, Atmos und anderen Sounds,
  • bei der Aufnahme der Sprechertexte: ein Text verrät nicht immer von sich aus, wie er gemeint ist und eine Betonung an falscher Stelle kann ärgerlich sein.
  • Manche Regisseure sind dankbar für Hilfe, weil der Sender spart und kein Regieassistent zur Verfügung steht (der sich z. B. mit den Musiken auskennt).
  • Wenn es darum geht zu kürzen: Das ist immer schmerzhaft aber oft nötig, da es leider auf Sekunden ankommt. 53:30 sind 53:30, da gibt es keine Ausnahme. Es kann nicht schaden im Studio schon frühzeitig zu wissen, wo man eine Minute kürzen würde, wenn man müsste.

Soweit so gut. Dies alles sollte gelesen werden als Niederschrift einer persönlichen Erfahrung. Einer guten Erfahrung.

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Eine Reaktion zu “Wie man ein Radiofeature macht”

  1. So, 16.11.14, 20 Uhr: Feature im Deutschlandfunk zu “‘Pop will eat itself’- Vom Musikmachen mit Musik. Remix, Plagiat und Copyright” von Martin Butz | Jäger und Sampler

    […] die Initiative Recht auf Remix gegeben und schon mal den Zusammenhang zwischen Radio machen (hier ausführlich), Zitieren, Remixing und Urheberrecht […]