Was braucht der Mensch? Seminar im SS 2013 an der HFK Bremen

3 Bedarf und Bedürfnis

Was wollen und brauchen wir als Menschen, denkende und fühlende Wesen, Angehörige einer Kultur, einer Gesellschaft, Konsumenten und Käufer von Produkten und Diensleistungen? Was motiviert uns zum Handeln? Was bestimmt unsere Werte, Vorlieben und unseren Geschmack?

Diese Fragen sind wesentlich für die Profession des Designers, arbeitet er doch immer auch darauf hin, mehr oder weniger genau definierte Bedürfnisse von Menschen (Zielgruppen) zu erfüllen. Natürlich sind Bedürfnisse eine wenig klar umrissene Kategorie. Betriebswirtschaftlich sind sie das subjektive Gegenstück zum Bedarf. Der Bedarf spiegelt „die am Markt tatsächlich auftretende Nachfrage“5 mithin operationalisierbare (also in Warenumsatz umsetzbare) Bedürfnisse. Im Seminar gingen wir zunächst von einem psychologisch begründeten Bedürfnisbegriff und genauer von der Maslow’schen Bedürfnispyramide aus. Meine Absicht bestand weniger in einer präzisen Begriffsklärung sondern vielmehr mehr darin, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass hinter jedem Gebrauch eines Gegenstandes, hinter jeder Konsumform und Bedeutungsgebung nach einer tiefer liegenden Motivation gefragt werden kann. Natürlich bietet das iPhone einen pragmatischen Nutzen und oft wird seine Anschaffung damit begründet, dass so einfach zu bedienen sei und den Bedarf an modernen Kommunikationsnotwendigkeiten mehr als hinreichend deckt. Natürlich ist es auch keine Geheimnis, dass die gut gepflegte Marke Apple und die ihr zugeschriebenen Eigenschaften (z.B. Geschmack, Coolness, Innovation) auf den Nutzer abfärben (sollen). Schließlich lassen sich im Umgang mit bestimmten Produkten Bedürfnisse vermuten, die sich nicht in rein praktischen Erwägungen beschreiben lassen: Solche wie z.B. Status, Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, der Zugewinn an (sexueller) Attraktivität, Prestige, Macht usw.. Die Frage nach den Bedürfnissen sollte den Blick darauf lenken, dass im /ästhetischen Kapitalismus/6 der reine Nutzwert von Produkten zugunsten einer Aufladung mit Bedeutung in den Hintergrund gerät. Diese Bedeutung findet in unseren Bedürfnissen ihre Gegenstück. Dafür spricht u.a. die Tatsache, dass eine Vielzahl mehr oder weniger identischer Produkte verfügbar ist – jedenfalls was die Funktionen angelangt. Der Unterschied von der einen zur anderen Marke besteht in den von ihr kommunizierten Bedeutungen und Werten. Deutlich wird das auch und besonders bei Medienprodukten: Wenn es sich nicht gerade um eine Nachrichtensendung oder den Wetterbericht handelt, geht es gerade und besonders hier darum, eine positive Resonanz beim Konsumenten zu erzeugen. Ganz nach dem Motto: „Es kommt nicht darauf an, wie gut oder sinnvoll ein Produkt ist, sondern nur darauf, inwieweit es als positiver Baustein in das Selbstbild des Kunden passt.“7 Vor diesem Hintergrund referierte ich in dieser Sitzung auch die Anfänge und die Entwicklung der Industrialierung, die entscheidend für die Entstehung einer ganzen Reihe ‚moderner‘ Bedürfnisse ist, und ohne die die heutige Konsumgesellschaft nicht zu verstehen ist.

3.1 Literatur

  • Engell, Lorenz (1992): Sinn und Industrie. Einführung in die Filmgeschichte, Franfurt am Main: Campus, darin: Kap. I, Sinnverlust und Sinnproduktion, 1. Die Fortsetzung des 19. Jahrhunderts mit anderen Mitteln, S. 9-39.
  • Gronemeyer, Marianne (2002): Die Macht der Bedürfnisse. Überfluss und Knappheit, Darmstadt: Primus Verlag.
  • Heckhausen, Jutta; Heckhausen Heinz (2006): Motivation und Handeln (3. Auflage), Heidelberg: Springer Verlag, S. 58-60.
  • Stangl, Werner: Motive und Motivation/Bedürfnis, online verfügbar unter http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/MOTIVATION/; http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/MOTIVATION/Beduerfnisse.shtml [03.03.2013].
  • Steffen, Dagmar (1998): Welche Dinge braucht der Mensch, Wetzlar: Anabas-Verlag.

Fußnoten

5) Gabler Wirtschaftslexikon, http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/bedarf.html [14.08.2013].

6) Den Begriff des /ästhetischen Kapitalismus’/ verwendet Andreas Reckwitz für die moderne Spielart des Kapitalismus, für die „die ständige Produktion von Neuartigem, insbesondere von Zeichen und Symbolen“ charakteristisch ist (Reckwitz, 2012:11).

7) Schwarz, Friedhelm (2007): Der Griff nach dem Gehirn, Reinbek: Rowohlt, S. 124.

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