Im Radio: Man kann nicht nicht zitieren – Ein Sammelsurium

Update: Leider kann man das Feature nicht mehr online hören. Die Aufzeichung meines Vortrags zur Produktion auf dem StARTcamp 2013 steht noch zur Verfügung. Thomas von Nerdhub verfasste während des Vortrags dazu live einen Blogbeitrag.

von Martin Butz und Fabian von Freier
Sendetermin: 13.09.2013, 20:10 Uhr, Deutschlandfunk

Zitate am Boden - Hier muss aufgeräumt werden.

Zitate am Boden – Hier muss aufgeräumt werden.

Im Grunde sind alle Ideen aus zweiter Hand; bewusst oder unbewusst speisen sie sich aus Millionen äußerer Quellen; und wer sie gespeichert hat, benützt diese Ideen täglich mit dem zufriedenen Stolz dessen, der in dem Aberglauben lebt, er habe sie selber hervorgebracht. 1

Man kann nicht nicht zitieren ist ein Radio-Mashup, ein Sammelsurium – fast vollständig – zusammengesetzt aus Zitaten. Mit diesen Zitaten führen verschiedene Vertreter unserer Gesellschaft Gespräche über Gott und die Welt, die Moral, das Geld, die Wirtschaft, das Konsumieren und Koten – und das Zitieren selbst.

Am Anfang – vor ungefähr 2 Jahren – stand für die beiden Autoren der Gedanke, dass wir uns die Welt aneignen, indem wir zunächst und immer wieder nachahmen, zitieren, Fremdes verschlucken und in einer Art Verdauungsvorgang das Aufgenomme verarbeiten, um schließlich Eigenes wieder hervorzubringen.

Wir alle werden tagtäglich mit Ideen, Gedanken, Ideologien, Vorgaben und Ansprüchen konfrontiert, aus denen wir auswählen, die wir wie in einem Schmelztigel verflüssigen, verändern, unbesehen übernehmen oder auch ablehnen, bekämpfen und vergessen. Ein Großteil dieses Inputs kommt aus einer medialen Kultur, also einer vom Menschen produzierten Umwelt, die wir wie eine zweite Natur als Material verarbeiten und in eigene Gedanken transformieren.

Neben den Bäumen, dem Ozean, dem Sonnenuntergang sind wir nun Fernsehen, Filmen, Radio, Zeitungen, Werbetafeln und zahllosen anderen von uns hergestellten sinnlichen Einflüssen ausgesetzt. Zu welchem Prozentsatz stammt unsere tägliche Informationszufuhr aus der Natur und welche Menge ist menschengemacht, elektronische Nachrichten, die tausend andere im Land ebenfalls erhalten. 2

Schon früh waren die Autoren sich einig, dass das Essen und Fressen, das Verdauen und Verstoffwechseln, das Ausscheiden und Defäktieren im Text eine Rolle spielen sollen, stellen doch diese physiologischen Vorgänge eine naheliegende Metapher auch für den Umgang mit geistiger Nahrung und kulturellen Einflüssen dar. Natürlich ist auch das eine Idee aus zweiter Hand, oder eher, zweitem Mund.

„Stellen Sie sich eine lebendige Röhre vor. Zum Beispiel einen Wurm. Diese Röhre hat einen Input, nennen wir ihn Mund […] oder Schlund sagt man glaube ich […] und sie hat einen Output, nennen wir ihn After. In diese Röhre fließt durch den Schlund die Welt hinein, wird irgendwie verdaut, prozessiert und fließt dann durch den After wieder hinaus. Wenn Sie sich in diesem Regenwurm, den ich Ihnen eben beschrieben habe den Menschen vorstellen […], dann kann ich die Worte etwas verfeinern. Ich kann sagen, durch den Schlund fließt Natur hinein, innerhalb des Organismus wird die Natur informiert und fließt als Kultur wieder hinaus.

Im Hörstück wird ein Modellfall, eine ästhetische Konstruktion inszeniert: Was passiert eigentlich im Kopf eines Menschen, der tagtäglich mit vielerlei Ansichten und Meinungen konfrontiert wird, mit Bedürfnissen gesegnet oder verflucht ist und versucht, in dieses Chaos Ordnung zu bringen, mithin: Eine eigene Position und einen originären, also eigenständigen Standpunkt zu finden. (Im Urheberrecht spiegelt sich die Originalität im Begriff der „Schöpfungshöhe“: Diese ist der Anteil an individueller, geistig-schöpferischer Leistung, welcher dann vorliegt, wenn sich die Leistungen vom Alltäglichen bzw. üblicherweise Hergebrachten unterscheidet.)

Nicht erlaubt sind Zitate, wenn dadurch eigene Ausführungen erspart oder ersetzt werden. Sie dürfen nicht so umfangreich sein, dass sie das neue Werk über weite Strecken selbständig tragen. 3

Im Kopf der imaginären Versuchsperson paaren sich die Gedanken und machen Sinn, andere streiten miteinander, und machen so ebenfalls Sinn. Einige haben etwas miteinander zu tun, andere sind sich fremd wie Nähmaschine, Regenschirm, Seziertisch und nur mit Mühe verbindbar. So wird deutlich, was „in der plötzlichen Nachbarschaft beziehungsloser Dinge an Verwirrungsmöglichkeiten enthalten ist“ 4. Was wäre, wenn wir diesen Jemand im Frühstadium der Aneignung und Meinungsbildung beobachten könnten. Wenn er noch nachahmt, sprich: zitiert und also noch keine eigene Stimme gefunden hat; wenn er noch ausprobiert, wie es sich anfühlt, das eine und das andere Wort im Munde zu führen, mehr noch ein Sprachrohr der Anderen ist, und sich die individuelle Meinung fast vollständig in Übernahmen kundtut?

Es lässt sich kaum verleugnen, dass alles, was wir von uns geben, irgendwann einmal nicht das unsere war. Von klein auf. Wann hört das eigentlich auf? Das Zitieren – auch wenn man es so nicht nennt – ist also Bestandteil oder mehr noch: Grundlage des Lernens. Und die Nachahmung schlägt irgendwann und mehr oder weniger in Eigensinn und Originalität um. Originalität ist jedoch eine Kategorie, die sich genau besehen nur in Bewegung definieren lässt: Sie nährt sich vom Gemeinen und grenzt sich gleichzeitig davon ab. Zu viel Originalität erzeugt Unverständnis, zu wenig Banalität oder ein Plagiat.

Das gelungene Mashup ist ein gutes Beispiel dafür: Seine Originalität liegt in der neuen Anordnung, in der Rekombination vorhandener Komponenten: Buchstaben, Worte, Sätze, Ideen, Logos, Bilder, Meme, Töne, Floskeln… Doch auf welcher Ebene verorten wir die neu geordneten, aber schon vorgängigen Bestandteile? Wo ist das unteilbare Atom, der gegebene Grundbaustein, noch nicht gestaltet und vom Menschen berührt? Ab welchem Punkt in der Reihe der Zustände sprechen wir von eigentümlicher Gestaltung, individueller Kreativität und originärem Schöpfertum? Ist das Reservoir der Muttersprache – von tausenden Vorläufern bearbeitet – bloßes Rohmaterial, an dem sich der Dichter abarbeitet, um aus dem Gemeinen und Vorgefundenen das Originäre zu schaffen? Was, wenn eine seiner tausendschönen Formulierungen in das allgemeine Sprachgut übergeht? Wie lange bleibt etwas Zitat und warum? Waren nicht schon die zwölf Töne der wohltemperierten Stimmung eine Schöpfung, die Werckmeister sich hätte als Kompositions-Framework patentieren lassen sollen? Lässt sich die Geschichte der abendländischen Musik bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in Form unzähliger Rekombinationen ein und desselben Tonmaterials beschreiben, als eine Geschichte von Design als Redesign 5? Wie lange darf etwas Neues auch exklusiv bleiben und was genau bedeuten die Begriffe neu, originär und individuell eigenlich? Fragen über Fragen.

Der Markt macht menschlichem Mehrwert keine Konzessionen. Er läßt nichts durchgehen. Man muß gewinnen, Geschäfte machen. Jedes Hindernis, sei es Gefühl, Gesetz, Recht, Liebe, Emotion oder Religion, jedes Hindernis ist ein Punkt für die Konkurrenz, ein Stolperstein, der zur Niederlage führen kann. 6

Zurück zum Stück: Eines hat unsere Versuchsperson allerdings schon vollbracht: Sie hat eine Auswahl aus dem Wust an Angeboten getroffen, sie hat Themen bestimmt und versucht, eine Struktur zu bilden, in der sie spricht oder eher sprechen lässt.

Die Autoren begannen damit, per E-Mail und im Ping-Pong-Verfahren Zitate aneinander zu reihen. Doch – man kann es sich vorstellen – ein zusammenhängender Text wurde daraus kaum. In mehreren Sitzungen, diesmal von Angesicht zu Angesicht, sortierten wir die Fragemente aus, tauschten um und gruppierten neu. Der Text wurde dialogisch aufgeteilt, es entstanden Szenen und mit Ihnen Rollen, die mehr Stereotypen als Charaktere darstellen (z.B. ein Moralist, ein Dandy und weitere). Man könnte sagen, dass dies das ‚innere Team‘ unseres imaginären Protagonisten ist.

Haltung ist alles. Der Schauspieler Jean Paul Baeck findet sich in eine Rolle ein.

Haltung ist alles. Der Schauspieler Jean Paul Baeck findet sich in eine Rolle ein.

Nun ist es natürlich nicht zufällig, was sich im Kopf des imaginären Ichs einfindet. Die Zitate lassen sich mit aller Vorsicht in unterschiedliche Kategorien gruppieren. Z.B. nach Herkunft: Zeitungen, elektronische Medien, hohe und niedere Literatur, Werbung und Sachbuch. Aber auch nach Lagerzeitraum und Reifegrad im Keller der Autoren: Einiges lange gehegt auf seinen Einsatz wartend und wohl plaziert; anderes auf dem Wege gesammelt, frisch aus der Druckpresse und wie gerufen aufgetaucht. Auch haben wir eigene Zitate beigesteuert – gemeinhin Autorentext genannt. Ein weiteres Ordnungskriterium ist der Grad an Abstraktheit: Da gibt es die zeitlosen Weissheiten, sprichwortähnlichen Plattitüden, philosophischen Einsichten neben dem so konkreten Kochrezept. Es ging darum, auf möglichst vielen Ebenen Kollisionen herbeizuführen, um realistisch zu bleiben. Denn genau das erlebt man und frau, wenn man und frau sich des Abends eine Stunde durch unsere Medienkultur zappt.

Der Text, den die Autoren aus dem Zitatematerial gezimmert haben, ist ein Rohbau im zweifachen Sinn: Die Räume (Themen, Positionen, Aussagen) und die Logik der Argumentation (Zusammenhang, Stringenz, Pointe) sind erkennbar, aber es fehlen noch Durchbrüche und Übergänge – ganz so, als ob der Sprecher noch nicht recht weiss, wo es lang geht.

Wir haben wohl oder übel unser Schicksal den Händen der Experten anvertraut. Die Politiker sind ja auch eine Art Experten, nur eben selbsternannte. Doch auch die Tatsache, daß wirklich kompetente Experten Politikern mit mediokrer Intelligenz und miserabler Voraussicht dienen oder gar vor ihnen liebedienern, ist halb so schlimm, weil sich auch die erstklassigen Experten nicht einig sind in bezug auf irgendein wichtiges Problem der Welt. 7

Die zweite Bedeutung der Rohbau-Metapher ist folgende: Wir brachten das Exposé zu einer neugierigen und experimentierfreudigen Redakteurin, und die sagte: „Ich weiß nicht genau, was es ist, aber das wollen wir ausprobieren.“ Alle Beteiligten waren sich einig darüber, dass der Text die radiophone Umsetzung braucht. Und damit ist gemeint: die Aufteilung in Rollen und Szenen; die Interpretation durch Schauspieler, die akustische Aufbereitung durch Schnitt, Geräusch, Raum und die gestaltende Regie.

… es wird so viel geredet. Das Unwahrscheinliche lebt von der Übertreibung, und im Maßvollen wiegt die Wahrheit nicht schwer. Am Ende der Verwicklung sind Behauptung und Wahn ein und dasselbe. 8

Ausgezeichnet werden muss auf jeden Fall noch Jean Paul Baeck, der als Sprecher ein Meisterstück vollbracht hat. Mit Ernst Hartmann (Ton) und Anne Barthel (Technik) konnten sich die Autoren kein besseres Team für die Umsetzung im Radio wünschen. Fabian von Freier führte mit ästhetischem Feingefühl und ideenreich Regie. Und schließlich wurde dies alles überhaupt möglich durch Sabine Küchler und den Deutschlandfunk.

Fußnoten:

2 Hise, Steev, Another Word About Plagiarism, http://detritus.net/archive/texts/synergy/plagiarism.html, abgerufen am 05.07.2011 , Übersetzung von M.Butz

3 Zitatrecht, §51 UrhG

4 Foucault, Michel (1971): Die Ordnung der Dinge, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 18

5 Michl, Jan, On Seeing Design as Redesign. An Exploration of a Neglected Problem in Design Education, http://www.designaddict.com/essais/michl.html, letzter Abruf am 23.07.2013

6 Roberto Saviano, Gomorrha, München (Deutscher Taschenbuchverlag) 2009, S. 95

7 Stanislaw Lem: Eine Minute der Menschheit, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1983, S. 54f.

8 Boualem Sansal, Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum,Gifkendorf (Merlin Verlag) 2011, S. 10

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