Ein Duchamp oder „hasard en conserve“

Pissoir - Bremen, Ostertorsteinweg, Bäckerei Schäfer's

Pissoir – Bremen, Ostertorsteinweg, Bäckerei Schäfer’s

Im Jahre 1913 ließ ein Mann mit dem Namen Marcel Duchamps drei exakt ein Meter lange Fäden aus exakt einem Meter Höhe auf eine Fläche fallen. Das Ergebnis war eine Revolution, eine Metrik für den Zufall: jeder Faden repräsentiert „einen Duchamps“. Seitdem ist es möglich, die so unbestimmte und uns Menschen seit jeher bedrängende und beglückende Welt des Zufalls zu vermessen; seitdem ist wissenschaftlich belegt, dass es für jedes Ereignis ein Gesetz gibt, dem genau ein Fall zugeordnet werden kann.

Duchamps erklärte:

Das Experiment wurde 1913 gemacht um durch Zufall, durch meinen Zufall erzeugte Formen festzusetzen und zu bewahren. Zur selben Zeit wurde die Einheit der Länge, ein Meter, von einer geraden Linie in eine gebogene verwandelt ohne ihre Identitiät eines Meters zu verlieren; jedoch wirft dieses Ereignis einen pataphysischen Zweifel auf das Konzept der graden Linie als die die kürzeste Entfernung von einem Punkt zu einem anderen. [1]

Der Disziplin der Pataphysik, so weiss unser allmächtiges Buch, wurde von dem französischen Schriftsteller und Homoristen Alfred Jarry (1871-1907) ins Leben gerufen. Sie ist „die Wissenschaft des Partikulären, also des Einzelfalls, im Gegensatz zu Aristoteles’ wirkungsreicher Definition, nach der sich Wissenschaft immer nur mit dem Allgemeinen beschäftigen könne.“

Interessanterweise wäre Aristoteles niemals auf den Gedanken gekommen, die Fallgeschwindigkeit von Gegenständen im luftleeren Raum, also allgemein zu bestimmen. Er hätte gefragt, wo in Gottes Namen gibt es auf unserer Erde luftleere Räume? Mag sein, dass es hier oder da ein Vakuum gibt, aber gewöhnlich fallen die Gegenstände durch die Luft. Für die moderne Physik erweist sich vieles von dem, was Aristoteles gesagt hat, als naiv, nur von der unmittelbaren Anschauung her bestimmt, und daher wissenschaftlich nicht haltbar. Duchamps entzieht sich dem Problem der Allgemeingültigkeit, indem er die unbedingte Bedeutung des Einzelfalls behauptet.

Und darin ähnelt der alte Grieche Duchamps – auch wenn beide unterschiedliche Absichten hatten: Aristotels versuchte den Raum zu bestimmen, in dem Aussagen wahr und allgemein sein können (und beschreibt doch nur den Einzelfall), Duchamps erweiterte den Raum, in dem wir wahrnehmen.

Bleibt noch zu sagen, dass Duchamps – wenn es nach mir geht – mindestens ebenso bedeutsam ist wie Aristotles, wovon nachgestelltes Zitat Kunde gibt: „Und nachgerade beginnt man sich zu fragen, ob nicht die Urinoirs in den Herrentoiltetten der Restaurants insgeheim als Repliken nach Marcel Duchamp aufzufassen seien.“ [2]

[1] Tate Gallery; 3 stoppages étalon (3 Standard Stoppages) 1913-14, replica 1964, eigene Übersetzung

[2] Heinz-Klaus Metzger, in: Die Zeit, Nr. 48, 22.11.1996

Kategorie: Allgemein, Design, Konsum, Kunst, Philosophie, Raum Kommentare deaktiviert für Ein Duchamp oder „hasard en conserve“

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