Todesnachrichten

Streichholzfiguren

Streichholzfiguren

Marginalie: Zum neuen Jahr fand ich in den Tiefen meines digitalen Gedächtnisses einige – sicherlich literarisch gedachte – Texte. Ich bin mir nicht sicher, wer sie geschrieben hat, finde sie aber lesenswürdig, auch wenn ich nicht jeden Satz darin begreife. Einige dieser Texte sind traurig, um nicht zu sagen depressiv; dazu passt das Motto: „Gestorben wird immer“ (habe ich mir über Weihnachten angesehen). Das ist aber nicht so schlimm. Sie sind überdies so alt, dass man das „dass“ noch mit „ß“ schrieb. Falls jemand außer mir die Autorenschaft beansprucht, möge er mich vor einer Urheberrechtsklage bitte kontaktieren.

Todesnachrichten sind Nachrichten, die einen von ihrer Natur her nicht wirklich selbst betreffen. Mein Freund – ich glaube, daß er mein Freund war – hätte mir die Nachricht sicherlich persönlich überbracht. Er ließ es ungern zu, wichtige Nachrichten, vor allem solche, die ihn unmittelbar betrafen, von anderen zerreden zu lassen. Ich habe es von seiner Schwester erfahren. Sie kam zu mir an einem sonnigen Nachmittag, stellte sich in die Küche und fragte leise, wo warst du? Sie hatte eine feste Stimme und deshalb dauerte es einen winzigen Moment, bis ich verstand, was geschehen war. Ihre Stimme war niemals so fest. Es mußte etwas vorgefallen sein, daß sie die Kraft fand ihre Stimmbänder dem Zerreißen nahe anzuspannen. Ich stellte mir vor, wie es beim nächstem Wort aus ihrem Mund einen scharfen Knall geben und ihr Gesicht sich in stummen Schmerzen verzerren würde. Dann wußte ich, wovon sie sprach.

Natürlich gab ich keine Antwort. Was hätte ich sagen sollen, um ehrlich zu bleiben. Als er starb, trug ich gerade einen Scheck zur Bank. Hätte ich ihr das sagen sollen? Andererseits war es um meine Ehrlichkeit sowieso nicht gut bestellt, es wäre möglich gewesen sie anzulügen. Ich war auf dem Weg zu ihm, nicht zur Bank! Die meisten Banken haben entfernte Ähnlichkeit mit einer Kirche. Ich hätte durchaus auf dem Weg zu ihm sein können.

Er war nicht so alt, daß er im Bett liegen mußte, um zu sterben. Er starb im stehen, besser er stand auf, um zu sterben. Aber ich habe mir Vorwürfe gemacht, denn ich mache mir immer Vorwürfe. Es wäre nicht nötig gewesen, daß er stirbt, damit ich mir Vorwürfe mache, ich meine, ich fühlte mich schon schlecht, als er noch lebte. Seine Schwester wußte das. Ich hatte das Gefühl, daß sie es wußte und daß sie mich bestrafen wollte. Sie hat mich nie gemocht, dachte ich, als sie mich mit der Todesnachricht in ihrem Hals ansah.

Ich habe die beiden zusammen kennengelernt, in bestimmter Hinsicht konnte ich sie sogar gar nicht auseinanderhalten. Wir trafen uns bei einem Essen eines gemeinsamen Bekannten in der Stadt, die ich damals gerade erst kennenlernte. Ich lernte die Häuser, die Straßen, die Parks und die Flüsse dieser Stadt kennen und ich traf fremde Leute, um sie kennenzulernen. Es war ein sehr lustiger Abend, wir saßen noch sehr lange zusammen, nachdem die anderen gegangen waren. Wir waren zu viert: die Geschwister, der Gastgeber und ich. Es war sehr warm und ich fühlte mich wohl in dieser fremden Stadt. Es war das erste Mal, daß ich mich so wohl fühlte. Vielleicht war das der Grund jener Freundschaft zwischen ihm und mir. Ich werde diese Stadt und mit ihr auch die Schwester meines Freundes nicht verlassen, jedenfalls nicht gleich, obwohl ich spüre, daß sie mich beide nicht richtig mögen. Es ist, als hätte ich nicht genug für sie getan. Was aber wurde von mir verlangt?

Ich höre eine leise Stimme, die immer wieder dasselbe sagt, ohne daß ich die einzelnen Worte verstände. Aber ich kenne den Tonfall. Ich erkenne ihn gerade jetzt, wo sie vor mir steht und mich fragt, wo ich gewesen sei. Ich war da, immer schon war ich da, ich war zu zweit, und das ist es, was sie mir vorwirft. Der eine ist hier und der andere ist dort und sie hat es gespürt, auch an diesem Abend. Der eine hat gegessen und der andere hat verdaut, der eine hat gesprochen und der andere hat zugehört. Es war nicht ein und derselbe.

Mein toter Freund wird bald beerdigt, er wird gewaschen, schön angezogen und weich gebettet. Fast wie bei der Geburt. Er wird in der Erde versenkt, während meine Bank einen Scheck für mich einziehen wird. Das Dinge so gleichzeitig geschehen, macht mir Angst. Daß seine Schwester mit mir lacht, und sie hat oft mit mir gelacht, Während sie mein Lachen nicht mag, macht mir Angst. Manchmal sieht sie mich an wie eine, die den Duft der Angst wittert.

Ich saß an dem Tisch in meiner Küche und versuchte mit einem Messer ein Streichholz in zwei gleich dicke Hälften zu spalten. Seine Schwester, die immer noch am Kühlschrank stand, erzählte mir von ihrem Bruder. Sie erzählte von seiner Liebe zu kleinen Dingen. Es war nicht so wichtig, um was für Dinge es sich handelte, die Hauptsache, sie waren so winzig wie möglich. Klitzekleine Bücher, die man kaum mehr lesen konnte, winzige Legespiele, nur mit einer Pinzette handzuhaben, oder auch Miniaturmodelle, die trotz ihrer Zartheit sehr detailgetreu waren. Ich wußte davon. Ich wußte von seiner Manie für Kleinigkeiten zu schwärmen. Für ihn schienen diese Zwerge eine Idee zu verkörpern. Die Idee von Vollständigkeit und Perfektion, die ab einer bestimmten Größe der Dinge unfaßbar wird.

Mittlerweile war ich auf den Gedanken gekommen aus den Streichhölzern kleine Männchen zu schnitzen. Dazu nahm ich ein Streichholz und schnitt es mit dem Messer bis zur Hälfte der Länge nach durch. Die so entstandenen Schenkel bog ich vorsichtig auseinander. Nun galt es im oberen Drittel des Holzes rechts und links zwei Späne abzuspalten, ohne sie jedoch vollends vom Korpus zu lösen. Der Zündkopf mußte nicht weiter bearbeitet werden. Ein Mann mit rotem Kopf. Nach einigen Fehlversuchen hatte ich die nötige Übung, um kompleziertere Figuren aus den kleinen Hölzern zu schnitzen. Die einen Männchen konnten sitzen, andere wiederum bogen die Arme oder streckten sie verzweifelt in die Luft. Als seine Schwester gegangen war hatte ich eine ganze Armee verschiedenartiger Streichholzmänner aufgestellt. Sie sagte, daß sie sich um die Beerdigung kümmern müsse. Mehr habe ich nicht verstanden. Ich versammelte die ganze Mannschaft im Aschenbecher und entzündete den bizarren Scheiterhaufen.

Ich erinnere mich nicht mehr genau, wann es mir das erste Mal in den Sinn kam, daß es sich bei meinem Freund und seiner Schwester vielleicht um ein und dieselbe Person handelt. Es muß an dem Punkt gewesen sein, wo die Tatsache, daß sie Geschwister waren, nicht mehr ausreichte, um zu erklären, wie gleiche Gedanken in verschieden Gehirnen entstehen können. Es gab einen Vorfall, der mich daran erinnerte, daß ich am Rande einer Schlucht stand, die so eng und tief war, daß man nicht bis auf den Grund sehen konnte. Auf der anderen Seite dieses Abgrundes stand mir mein Freund in großer Klarheit vor Augen. Doch während er mir mit einer vertrauten Geste bedeutete, ich solle zu ihm herüberspringen, hatte ich das seltsame Gefühl, er befände sich zur gleichen Zeit mit seiner Schwester am Grund dieser Schlucht, die mich schwindeln ließ. Ich war mir sicher, daß sie in dieser feuchten und modrigen Schlucht ein altes Kinderspiel spielten, an dem ich niemals hätte teilnehmen können.

Kategorie: (Wieder) gelesen, Allgemein, Literatur Kommentare deaktiviert für Todesnachrichten

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