Was ist ein Gambiarra?

Gedanken zum 1. Pipi-Langstrumpf-Gesetz

Das 1. Pipi-Langstrumpf-Gesetzes lautet: „Ich mach‘ mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Das ist gar nicht so einfach, denn die Welt, in der wir leben, haben wir zum großen Teil nicht selbst eingerichtet. Nun, da sie schon einmal da ist, geht es darum, sie nach unserem Bedarf zu gestalten. Das nennen wir Aneignung.

Bremen, Bleicherstraße: Ein Cambio-Parkplatz

Bremen, Bleicherstraße: Ein Cambio-Parkplatz

In meiner Nachbarschaft gibt es einen Cambio-Parkplatz. Davor ein Bürgersteig und eine wenig befahrene Wohnstraße. Neulich sehe ich zwei Jungs, die das niedrige breite Rollgitter geschlossen haben. Der eine stellt sich mit seinem Tennisschläger auf die Parkplatzseite, der andere auf die Straßenseite und schon hatte unsere Nachbarschaft einen Tennisplatz.

Bremen, Bleicherstraße: Unser Tennisplatz in der Nachbarschaft

Bremen, Bleicherstraße: Unser Tennisplatz in der Nachbarschaft

Auf brasilianisch könnte man so etwas ein Gambiarra nennen: eine improvisierte Lösung für ein Alltagsproblem, eine Ad-hoc-Reparatur, die kreative Befriedung eines Bedürfnisses. Im Gambiarra wird verarbeitet, was gerade zur Hand ist, Vorhandenes wird auseinandergenommen, mit anderem kombiniert und dient nun einem neuen Zweck. Ein Gambiarra ist oft mehreres oder alles dieser Liste:

  • prekär (dem TÜV würden sich die Haare sträuben: z.B. einen platten Autoreifen mit Stroh füllen um zur nächsten Werkstatt zu gelangen)
  • improvisiert (spontan, aus dem Stegreif: der Wagenheber als Schrankbein)
  • kreativ (unerwartet, innovativ z.B. Würstchen auf einem Bügeleisen braten)
  • nachhaltig (was gerade zur Hand ist, was die Umgebung bietet, wird verarbeitet, z.B. einen Ventilator aus einem Waschmaschinenmotor bauen, wie in Kuba üblich)
  • illegal (manchmal jedenfalls, wie z.B. erschlichene Nutzung des offiziellen Stromnetzes über improvisierte Abzweige)
  • rekombinatorisch (eine Freundin von mir verwendet eine Rolle, ein Seil und eine mit Sand gefüllte Wärmflasche als automatischen Türschließer)

Gambiarras sind vom Ursprung her Kinder des Mangels an Geld, an Infrastruktur und der Versorgung mit Konsumgegenständen jeglicher Art (die Mehrzahl der oben genannten Beispiele stammen aus der dritten Welt und Schwellenländern). Doch das ist nur die eine Seite. Denn gerade der Mangel wird zum Kreativfaktor. Bei uns war das vor 60 Jahren ebenso. Nunmehr, wo wir materiell gesehen alles und vielleicht zu viel haben, mangelt es dem einen oder der anderen zuweilen an etwas anderem: an Selbstbestimmung, an Individualität und an der Lust, die man erfährt, wenn man weniger konsumiert und mehr gestaltet.

In einer Welt voller vorkonfigurierter Produkte, seien es Konsumgegenstände des alltäglichen Gebrauchs, technische Geräte, Medieninhalte sowie der Ideen und Konzepte, die sie begleiten, steht am Anfangspunkt der Aneignung „das Missverhältnis zwischen dem, was wir wirklich brauchen und dem was für uns produziert und festgeschrieben wird.“ (Rodrigo Boufleur: A Questão da Gambiarra (2006)

Oft macht es viel mehr Sinn und vor allem viel mehr Spaß, die Dinge und Orte entgegen der vorschriftsmäßigen Nutzung zu gebrauchen. Nicht selten wird unsere Umwelt unseren Bedürfnisse erst dann gerecht, wenn wir sie uns aneignen, verbiegen, zurechtlegen, basteln und kreativ überformen. Wir passen uns die Dingwelt an, die andere für uns geschaffen haben. Auf eine Formel gebracht: Wichtig ist nicht die vorgegebene Gebrauchsanweisung, sondern die uns genehme Gebrauchsweise. Das muss kein Gegensatz sein. Kann es aber. Es geht nicht per se um Widerstand, sondern um Erweiterung, Bedürfnisse, Kreativität und Raum für unsere Eigenart.

Ein erster, vielleicht der erste Ort solcher Aneignung ist die Sprache. Bei Kindern wird deutlich, wie die Lust der Aneignung von normierten Bedeutungen mit den Regeln konkurriert, die sie nicht selbst geschaffen haben. Meine Tochter zum Beispiel sieht einen Marienkäfer, sagt dazu Schmetterling und kontert meine Korrektur mit großer Selbstverständlichkeit: Ich will das aber jetzt Schmetterling nennen! Kurz danach versichert sie sich: Darf ich Schmetterling dazu sagen? Natürlich darf sie! Sie lernt dabei, was Konventionen sind und was es heißt, unkonventionell zu denken, sich zu verhalten, zu sein.

Die Welt ist voller Konventionen und Ordnungen und voller Gegenstände und Konzepte, in denen sich Konvention und Ordnung widerspiegeln. Es gibt die Straßenverkehrsordnung, die Hausordnung, Kochrezepte, allerlei Gebrauchsanweisungen für den vorschriftsmäßigen Gebrauch von Geräten, Gegenständen und Gadgets. Es gibt Empfehlungen der Produkthersteller, wie welches Produkt am besten gebraucht werden soll. Es gibt Ikea-Küchen, Smartphones, Fertiggerichte, Hollywoodfilme, Bürgersteige und Parkanlagen. Warum sollte man das alles nur nach Vorschrift und Gewohnheit nutzen?

Die Lösungen unserer kleinen Alltagsherausforderungen sind oft unspektakulär und gehören zum festen Bestand unserer praktisch-improvisierenden Taktik. Vieles wird aus der unmittelbaren Notwendigkeit, dem jeweiligen Aufenthaltsort und den verfügbaren Materialien heraus geboren.

Die Plastiktüte als Schutz gegen Regen auf dem Fahrradsattel, der zurecht gebogene Drahtkleiderbügel aus der Schnellreinigung als universeller Schmuckhalter, die Weinflasche als Blumenvase, der Bierdeckel unterm Wackeltisch. Und: Worauf man überall sitzen, wenn man nicht mehr stehen kann! Gar nicht auszudenken, wenn einer einmal all das auflisten würde, was in Unternehmen unter der Hand an inoffiziellen Lösungen die offizielle Vorgehensweise erweitert oder ersetzt.

Wir frickeln, basteln und improvisieren, weil das gängige Verfahren unpraktisch, zeitraubend oder schlicht langweilig ist. Weil es so für uns bequemer, einfacher, klarer, überzeugender ist. Weil es uns Spaß macht, die vorgegebene Ordnung wenigstens ein wenig gegen den Strich zu bürsten.

Manche pflegen eine Kultur der Improvisation, die aus der Armut im Materiellen den Reichtum der Ideen blühen lässt. Es gibt Menschen, die 5-Sterne-Koch-Qualitäten besitzen, wenn es darum geht, Miracoli-Spaghetti-Imitaten die herstellerüblichen Aromen zumindest teilweise zu rauben und etwas Geschmackvolleres daraus zu zaubern. Ungezählt die Möglichkeiten, die sogenannte benachteiligte Jugendliche entdecken, wenn es darum geht, den öffentlichen Raum nach ihren Wünschen umzufunktionieren. Die Kunst der Traceure ist eine Spielart davon. Die Streetart eine andere. Das Herumstromern in Kaufhäusern und Shopping-Malls eine dritte (Ende des 19. Jahrhunderts nannte man diese Daseinsweise flanieren.)

Schnell wird deutlich: eine Beschränkung kann zur Stärke werden. Oftmals so stark, dass die Industrie bemüht ist, sich das von ihr nicht Vorhergesehene einzuverleiben und in Profit zu verwandeln. Die Xbox von Microsoft wurde gehackt und unerlaubt mit den gewünschten Features versehen; der Hersteller vollzieht den logischen Schritt, frisst die Avantgarde und macht sie zum profitablen Mainstream. Ein mittlerweile ganz normaler Vorgang. Der Markt ist ein strategischer Kampfplatz auf dem nicht nur mit Geld, sondern auch mit Sinn und Bedeutung gehandelt wird. Seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurden Hersteller von Konsumgütern „von einem unbändigen Hunger nach kulturellen Ideen und Metaphern geprägt, die regelrecht aufgesogen und als Markenerweiterung wieder in die Kultur zurückgespien wurden“ (Naomi Klein). Was wirklich wichtig für uns scheint, das ist der Stoff mit dem das Markenprodukt eingekleidet wird. Zum Beispiel Individualität, Freiheit und Unabhängigkeit. Demgegenüber steht die Idee, dass, je weniger das uns wirklich Wichtige zum Produkt wird, es desto eher wirklich uns gehört.

Im Gambiarra kann sich auch dieses zeigen: Jedes Produkt kann ganz oder teilweise zum Rohstoff für die eigenen Ideen werden. Als solches wird es wenig wertgeschätzt. Es wird vielmehr zur zweiten Natur, die angeeignet wird, um damit leben zu können, wie es uns behagt. Gut, wenn man es einem herstellerunabhängigen Zweck zuführt, besser noch, man pflückt es gleich auseinander und baut aus den Einzelteilen etwas ganz neues. (Natürlich muss man damit leben, dass man die Garantie verliert.) Damit wird noch weiteres deutlich: Die Gambiarra-Perspektive macht nicht nur Spaß und ist lustig, sie führt oft auch zum Wissen darum, wie die Dinge funktionieren und zum Interesse, dieses Wissen mit anderen zu teilen.

Spätestens hier zeichnet sich die politische Spielart der Gedankenwelt ab, die hinter dem Gambiarra erscheint: die Utopie in Aktion. So klein sie sich auch zeigen mag, die Kreativität die sich in den je eigenen Lösungen zeigt, sagt immer auch: Ich/wir fangen schon mal an.

Zum Beispiel die Urban-Gardening-Projekt in Berlin und vielen anderen Großstädten dieser Welt. Hier wird gepflanzt und gesät, gemeinschaftlich gearbeitet und nachhaltig agiert, Sperrmüll und vermeintlicher Abfall wiederverwendet, öffentlicher Erholungsraum geschaffen. Immer geht es sehr konkret auch um die Frage, wir uns unsere Welt wünschen, was wir uns davon erwarten, wie sie denn sein wird, wenn wir aufhören zu reden und anfangen zu handeln.

Soviel sollte klar geworden sein: Auch wenn das Gambiarra ein Begriff aus der brasilianischen Kultur ist, das dahinter stehende Konzept ist universell. In Amerika kennt man den Begriff jerry rigging. Das jury rig ist das Notsegel, welches die Seeleute spannten, wenn der Mast im Sturm gebrochen war. Die Yankee ingenuity steht ebenfalls für die innovative Improvisation mit dem, was gerade zur Hand ist. In Mexiko nennt man Reparaturen und Lösungen dieser Art à la mexicana. In in Australien heißt es Bush Mechanic, im Hindi (Nord- und Zentralindien) kennt man den Begriff Jugaar und in Afrika nennt man die Produkte erfinderischer Fantasie AfriGadgets. Das janpanische Chindōgu (wörtlich seltsames Gerät) schließlich betont den Spaßcharakter und das Absurde an der Sache: „Es löst ein tatsächliches Problem auf besonders kreative Weise, während sein tatsächlicher Einsatz mehr Probleme verursachen als lösen würde.“ (Wikipedia)

1980 schrieb Michel de Certeau in seiner Kunst des Handelns:

Tausend Arten und Weisen, das Spiel des Anderen, d.h. den von Anderen vorgegebenen Raum, zu spielen/zu vereiteln, sind charakteristisch für die subtile, beharrliche und widerstandsfähige Aktivität von Gruppen, die sich – da sie kein eigenes haben – im Netz der etablierten Kräfte und Vorstellungen zurechtfinden müssen. Man muß „mitmachen, indem man etwas damit macht“. In diesen Kriegslisten gibt es so etwas wie die Kunst, einen Coup zu landen, gewissermaßen ein Vergnügen daran, die Regeln einer aufgezwungenen Umwelt auf den Kopf zu stellen.

Links zum Thema:

Definitionen, Hintergründe, Meinungen, Tratsch zum Begriff des „Gambiarra“: http://www.metafilter.com/105621/Gambiarra-refers-to-an-unlikely-mend-an-unthinkable-coupling-a-solution-so-raw-and-transparent-that-it-illustrates-the-problem-at-hand-instead-of-eliminating-it

Jane Fulton Suri: Thoughtless Acts. Observations on Intuitive Design (Website zum Buch): http://www.thoughtlessacts.com/site/main.html

Ricardo Rossas: The Gambiarra. Considerations on a Recombinatory Technology (Aufsatz als PDF): http://www.chavemestra.com.br/gambiarra.pdf

Martin Butz: Thoughtless Acts – Design durch Aneignung (Blogbeitrag): http://www.mkblog.org/?p=154

Pagen Kennedy: Necessity Is the Mother of Invention (Artikel in der New York Times vom 30.11.2003): http://www.nytimes.com/2003/11/30/magazine/30MIT.html

Gambiologia – Brazilian Physical Item Hacking (Website zur ‚Wissenschaft vom Gambiarra‘): http://we-make-money-not-art.com/archives/2011/07/gambiologia.php#.UFBiN885cRc

The Technological Disobedience of Ernesto Oroza: In Isolated Cuba, Inventing to Survive (Video-Interview): http://motherboard.vice.com/2010/8/31/the-technological-disobedience-of-ernesto-oroza-in-isolated-cuba-inventing-to-survive

Flickr-Gruppe zu “Non Intentional Design”: http://www.flickr.com/groups/742048@N24/pool/page3/

Und natürlich eine Bildersuche bei Google nach „Gambiarra“

Kategorie: Allgemein, Antropofagia, Design, Konsum, Philosophie, Raum Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Was ist ein Gambiarra?”

  1. Gambiarra, Youserart und die Aneignung im MKBlog | perisphere

    […] so geht es in seinem aktuellen Post “Was ist ein Gambiarra?” im die Fragen der Aneignung, um improvisierte Lösungen für Alltagsproblem, […]