Über François Jullien und das planlose Leben

Screenshot aus "Work Hard, Play Hard" von Carmen Losmann, (c) hupefilm, http://www.workhardplayhard-film.de

Screenshot aus „Work Hard Play Hard“ von Carmen Losmann, (c) hupefilm, http://www.workhardplayhard-film.de

Da die Fische, untereinander, in die Tiefe des Wassers streben,
genügt es, einen See zu durchqueren, und die Nahrung ist ausreichend;
da die Menschen, untereinander, in die Tiefe des tao streben,
genügt es, sich nicht zu bemühen und das Leben bestimmt.
(Konfuzius nach Jullien 2006:144)

Im Aikido spricht man davon jemanden zu bewegen. Der Gegner, oder besser der Trainingsparter greift an, seine Bewegung wird aufgenommen und mit der eigenen vereint. Was hier geschieht – wenn es denn gelingt – kann ich nur mit einer paradoxen Konstruktion umschreiben: Man lässt den Gegner gewähren, um ihn im eigenen Sinne zu steuern. Man folgt und führt zugleich. Mit viel Übung und im günstigen Augenblick ist dies keine esoterische Weisheit mehr, sondern eine konkrete, physische Erfahrung auf der Dojo-Matte.

Der Zwang zur Kontrolle

Die Herausforderung besteht darin, den eigenen Kontrollzwang abzulegen. Dieser Zwang rührt vor allem daher, dass wir etwas bestimmtes wollen, dass wir einen Plan, ein Ziel, eine Technik haben, dann aber merken, dass das alles nicht viel mit den aktuellen Gegebenheiten zu tun hat. Also versuchen wir, diesen Gegebenheiten eine Form zu geben, die dem Plan entspricht: Du musst jetzt so machen, dann mache ich so, dann du so und schließlich werfe ich dich auf den Boden. Wir wollen den anderen in das Spiel einpassen, welches wir uns zurechtgelegt haben. Wenn das, wie oft, nicht gelingt, versuchen wir es mit Gewalt. Solange wir stärker sind als der Trainingspartner, funktioniert das auch. Sind wir schwächer, hat der Trainingspartner günstige Karten.

So oder so: Mit Aikido hat das nicht mehr viel zu tun. Denn dabei geht es letzlich um das Bewußtsein des eigenen Zentrums und Achtsamkeit für das Jetzt. Oder westlicher ausgedrückt: um das Management von Schwerkraft, Energie und Gelegenheit.

Plan und Ziel, Theorie und Praxis, oder auch das Ideal und dessen Umsetzung: Das alles sind Konzepte, die aus unserer zivilisierten Welt nicht wegzudenken sind. Wir alle machen Pläne. Wie sonst könnten wir ein Kind großziehen, Häuser und Brücken bauen, ein Unternehmen leiten oder einen Staat lenken? Einfach nur planlos vor sich hinleben, geht nicht, gibt’s nicht.

Pläne haben die Eigenschaft, dass sie an den realen Umständen scheitern. Es gibt Momente, da fragen wir uns, wozu es eigentlich Pläne gibt? Meist geht der Zweifel aber gar nicht so weit und es dreht sich vielmehr um die Frage, wie man bessere Pläne machen kann; solche, die so gut sind, dass der Unterschied zwischen Plan und Umsetzung, Ideal und Wirklichkeit nur eine Frage von Kompetenz, Wissen und Fleiss ist.

Kein Plan überlebt den ersten Feindkontakt

Das aber geht oft nicht auf. Mehr oder weniger regelmäßig scheitern Budget- und Zeitpläne. Von der Werbung weiss man, dass sie viel Geld kostet, die Hälfte hätte man sich sparen können, man weiss nur nicht welche. Das Kind entwickelt sich anders als geplant. Die Erledigung der täglichen Todo-Liste bleibt ein frommer Wunsch. Seit langem, z.B. in der Kriegsführung, erzählen Strategen von der Erfahrung, dass kein Plan den Kontakt mit dem Feind überlebt (im Original von Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke, deutscher General des 19. Jahrunderts). Genauso kennen Pädagogen den Umstand, dass selten ein Unterrichtsplan den Kontakt mit dem Schüler überlebt. Und so können wir auch dichten: Kein Geschäftsplan überlebt den Kontakt mit dem Kunden. Am Ende hat man sich unter der Hand mit dem Ergebnis arrangiert, nicht aber den Plan umgesetzt.

Wenn man mit Material- und Dingwelt noch relativ gut planen kann, wird jedoch schnell deutlich, dass Planungen fragil sind, wenn es um Belebtes geht. Die Natur und Softwareumgebungen sind solche schwer einplanbaren, weil mehr oder minder lebendigen Kandidaten. Hier kann es immer Überraschungen geben. Doch so richtig komplex wird es dann, wenn es um Menschen, oder im Wirtschaftsjargon: um das Management von Humanressourcen geht. Dieser gängige, verdinglichende Neusprech trägt in sich die Vision von Berechenbarkeit, passgenauem Verhalten und vor allem einer Wirkung, die wir erzielen möchten, um uns selbst und andere in einen vorgegebenen Plan einzupassen. (Dazu ein bisschen Reklame für einen sehenswerten Film: Work Hard Play Hard von Carmen Losmann. Jetzt im Kino!)

Das Pläne machen ist eine alte abendländische Gewohnheit und Leidenschaft. Vielleicht sogar mehr: Eine Notwendigkeit, die wir kaum infrage stellen können. Der Sinn des Daseins käme uns abhanden, wenn wir uns keine Zwecke setzten, keine Mittel auswählten, diese Zwecke zu verwirklichen und schließlich keinen Plan fassten, der beides – Zweck und Mittel – in ein plausibles Verhältnis zueinander bringt. Ohne Plan hätten wir keine Perspektive und kämen uns und anderen vom Winde des Zufalls getrieben vor. Allerdings vielleicht auch freier.

Auftritt: François Jullien

François Jullien ist ein französischer Philosoph und Sinologe, der sich seit längerem mit dem beschäftigt, was man das chinesische im Gegensatz zum abendländischen Denken nennen könnte. Diese vorsichtige, andererseits kühne Verallgemeinerung spielt darauf an, dass China ein großes Land ist, das Abendland ebenso, dass es in beiden Regionen eine lange Denktradition gibt, und dass man unter beides nicht einfach einen Strich ziehen und umstandslos addieren kann. Jullien sagt dazu:

Ich spreche vom chinesischen Denken, indem ich es in seiner Sprache betrachte, das heißt insofern es auf Chinesisch artikuliert ist (so wie das griechische Denken eben das Denken ist, das Griechisch spricht). (Jullien 2006:11)

Der Korpus der Texte, auf die Jullien sich bezieht, stammt aus einer Zeit, die einige Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung liegt. Es ist die Zeit, in der auch in Europa eine Denktradition begann, die bis heute wirksam ist: die Zeit von Platon und Aristoteles um 400 vor Christus.

Jullien nähert sich seinem Gegenstand äußerst umsichtig, man kann sagen über Umwege, die jedoch den entscheidenden Vorteil haben, den Gegenstand zu entfalten und nicht auf schnell Verdauliches zurechtzustutzen. Dies zeigt sich in mehreren Essaybänden, die so seltsame Titel tragen wie „Das Leben nähren. Abseits vom Glück“ (Thema: Leben), „Über die Wirksamkeit“ (Thema: Staatsführung, Krieg, Rhetorik), „Über das Fade“ (Thema: Ästhetik), „Über die Zeit“ (Thema: eben diese) oder eben „Der Umweg über China. Ein Ortswechsel des Denkens“ (Einführung: Sekundärtexte, Interviews, Methodik).

Bewusst werden und bewusst werden

Trotz dieser vorsichtigen Annäherung bringt Jullien es fertig, den Unterschied der Denkweisen mit einem eleganten Kurzschluss zu illustrieren. Im Abendland als auch in China spielt das philosophische Konzept des „bewußt werden“ eine wichtige Rolle. Unsere Denktradition legt hierbei die Betonung auf das erste Wort, die Idee der Bewußtheit, des Verstehens, des intellektuellen Nachvollzugs und weiter, der Analyse der Elemente und Funktionen zum Zwecke planerischer Voraussicht. In Asien liegt der Akzent auf dem „Werden“, dem Prozesscharakter der Ereignisse, der Evolution im Sinne eines selbstregulierenden Vorgangs, dem energetischen Prinzip und dem Situationspotential (vgl. Jullien 2002:30ff.).

Aus unserer Hilflosigkeit gegenüber der Planlosigkeit erwachsen einige Konsequenzen. Wir müssen zunächst einmal laufend bestimmen, welches denn lohenswerte Ziele sind. Wenn man Glück hat, setzt man sich eigene Ziele und macht nicht die der anderen dazu. Der Unternehmer zum Beispiel hat ein Umsatzziel. Der Arbeitnehmer soll sich dieses zu eigen machen: „Handeln Sie unternehmerisch!“.

Sein Leben nähren

Letztlich, vor dem Hintergrund des eigenen, zeitlich begrenzten Lebens, geht es bei der Suche nach Zielen immer um Varianten der zweiten Grundfrage der Philosophie, wie sie Kant gestellt hat: Was sollen wir tun? Was ist wertvoll? Was ist wichtig? Was ist es wert, dass wir es im Leben erreichen? Womit sollen wir unsere (Lebens-)Zeit verbringen?

Jullien findet in den chinesischen Schriften auf diese kleinen, großen Fragen eine einfache Antwort:

Die einzige Aufgabe meines Seins und meine einzige Verantwortung besteht in der Mühe, die ich darauf wende, dieses Lebenspotential, mit dem ich ausgestattet bin, zu unterhalten und zu entfalten. (Jullien 2006:16f.)

Dies ist eine Perspektive, die uns gewöhnlich zu unspezifisch ist, zu ehrgeizlos, eine Perspektive, die ungefähr dem entspricht, was eine Pflanze angeben würde, hätte sie denn ein Bewusstsein, welches sie entäußern könnte. Es ist aber auch die Perspektive, auf die wir spätestens im Angesicht des Todes zurückgeworfen werden. Wenn ich erfahre, dass ich nur noch drei Monate zu leben habe, dann will ich eben diese mir verbleibende Lebenszeit ‚unterhalten und entfalten‘. Ob ich arbeite, mit meinen Kindern spiele, segeln gehe oder einen Berg besteige ist untergeordnet. Ich will vor allem eins: leben. Und mehr: Ich will möglichst lange und intensiv leben.

Warum aber sollten wir uns darüber erst dann Gedanken machen, wenn der Arzt kommt und sagt: Sie haben Krebs und leben noch drei bis sechs Monate. Wo liegt der Unterschied, wenn wir doch alle – in sechs Monaten oder sechzig Jahren – in die ewigen Jagdgründe eingehen werden. Bei Walter Benjamin heisst es morbid und lakonisch: „Vom Tode aus betrachtet ist das Leben die Produktion der Leiche.“ Es ist also – trivial und unerbittlich – nur eine Frage der Zeit, bis unser (nicht das) Leben endet. Und eben darum erscheint es naheliegend, das Wichtigste, das Wesentliche in den Fordergrund zu stellen: unser Leben selbst.

Das bedeutet, mit mir und allem, was mich ausmacht, sorgfältig, oder genauer: ökonomisch umzugehen. Es ist eine Frage des Selbstmanagements, seinen Körper, seinen Geist und die Seele so zu gebrauchen, dass sie lange halten und einen reichen Ertrag abwerfen. Wie ein gut bestelltes Feld: nicht überdüngt, ausreichend gewässert, vom Unkraut befreit, mit Ruhezeiten für die Erholung und Produktivzeiten für das Wachstum. Dafür gibt es in China den Ausdruck „sein Leben nähren“.

Denn sein Leben zu bewahren, bedeutet nicht, seine Aufmerksamkeit auf das Leben zu konzentrieren: und noch weniger bedeutet es, seinen Geist anzustrengen, um in sich das Leben zu blockieren und es so lange wie möglich vor seinem verhaßten Gegenteil, dem Tod, zu schützen. Sondern im Gegenteil, sich gerade am Tiefpunkt seines Lebens mit der Logik des Vitalen zu verbinden, die ebenso legitim das Verschwinden und die Herkunft oder das Ausatmen und das Einatmen enthält, und sein Leben offen zu halten für die Erneuerung durch die Schwankungen des allgemeinen Lebensprozesses. […] Nur unter dieser einzigen Bedingung – nicht wollen und nicht besitzen – kann sich das Leben erhalten und fortdauern.

Weit entfernt von einer solchen einfachen und weisen Sicht auf die Welt und unser Leben schmieden wir weiter Pläne und entwerfen Modelle für alles und jedes.

Ich sehe darin sogar eine der Gesten, die für den modernen Westen (oder die Welt – wenn sie nach dem „Westen“ genormt wird?) besonders charakteristisch ist: ganz gleich, welche Rolle sie spielen mögen, alle machen das Gleiche, der Revolutionär entwirft das Modell des zu schaffenden Gemeinwesens, der Soldat den Plan zur Kriegsführung, die Wirtschaftswissenschaftler die Kurve des zu realisierenden Wachstums… So viele auf die Welt projizierte Schemata und Identitätsschablonen, die man dann in die Wirklichkeit umsetzen muß. (Jullien 1999a:15)

Als Paradebeispiel für die Modellbildung nennt Jullien die Wissenschaft. Ihr analytisch-objektivierender Blick hat die Natur in großen Teilen für uns transparent und berechenbar gemacht. Das Ergebnis sind Naturgesetze die beispielsweise pragmatisch gewendet die statische Planung von Gebäuden ermöglicht: Die Pyramiden von Gizeh, der Petersdom, das Empire State Building und auch das Eigenheim wären ohne Physik, Mathematik und andere Formen der Modellbildung nicht möglich. Doch offensichtlich gibt es Bereiche, in denen die Berechnung der Zukunft aus der Vergangenheit nur schlecht oder gar nicht möglich ist. Zum Beispiel: die Kindererziehung, die Gesellschaft, die Liebe, der Krieg, das Leben, der Tod und die Wirtschaft.

Die Frage ist also, ob das, was aus technischer Sicht so gut gelungen ist und uns zu Herren über die Natur gemacht hat, auch für die Verwaltung von menschlichen Situationen und Beziehungen gilt. […] die Welt [ist] nicht besonders aufnahmebereit für die Ordnung, die wir ihr geben wollen: es bleibt unvermeidlich eine Kluft zwischen dem Modell, das wir projizieren, um zu handeln, und dem, was wir mit dem Blick darauf, wirklich realisieren können. Kurz gesagt, die Praxis ver-rät [sic] immer ein wenig die Theorie. Und das Modell bleibt am Horizont des Blickes. Zurückgezogen in seinen Himmel, ist das Ideal unzugänglich. (Jullien 1999a:16f.)

Jetzt aber endlich: Wie machen die Chinesen das denn nun?

Das chinesische Denken kennt kein Modell, keine Ideal und keinen Plan. Das chinesische Denken kennt die Umgebung, die Umstände, die Situation und deren Potential. Und indem die Möglichkeiten der jeweiligen Situation erkannt und befördert werden, wird eine Wirkung erreicht. Einfacher: Die Pflanze wächst ganz von selbst, denn das ist ihre Natur. Wir müssen sie pflegen, Unkraut jäten, schädliche Einflüsse fernhalten, können und müssen aber nicht das Wachstum selbst in die Hand nehmen.

Anstatt einen Plan zu entwerfen, der auf die Zukunft projiziert wird und zu einem festgelegten Ziel führt, und dann die Verkettung der am besten zur Realisierung geeigneten Mittel zu definieren, geht der chinesische Stratege […] von einer minutiösen Einschätzung der im Spiel befindlichen Kräfteverhältnisse aus, um sich auf die in der Situation vorhandenen vorteilhaften Faktoren zu stützen und sie kontinuierlich innerhalb der gegebenen Umstände auszunutzen. Bekanntlich sind die Umstände häufig unvorhergesehen, ja sogar unvorhersehbar, sprich völlig unbekannt, und deshalb kann man nicht im Voraus einen Plan entwerfen. Andererseits enthalten sie ein gewisses Potential, von dem wir dank unserer Geschmeidigkeit und Anpassungsfähigkeit profitieren können. Deshalb projiziert und konstruiert der chinesische Stratege nichts. Auch „überlegt“ er nicht und hat nichts „auszuwählen“ (unter den Mitteln, die gleichermaßen möglich wären).  (Jullien 1999a:61)

Und als wäre diese Planlosigkeit nicht schon schwer genug zu verstehen, spitzt sich die Sache noch weiter zu:

Das setzt voraus, daß es für ihn [den chinesischen Strategen, M.B.] nicht einmal ein „Ziel“ gibt, das auf Distanz und nach einem idealen Modus gesetzt wäre, sondern daß er aus der Situation, in dem Maße wie sie sich entwickelt immer wieder seinen Vorteil zieht (und was ihn leitet, ist schlichtweg der zu erzielende Gewinn). Genauer gesagt, seine ganze Strategie besteht darin, dafür zu sorgen, daß sich die Situation so entwickelt, daß die Wirkung zunehmend aus ihr selbst hervorgeht und daß sie zwingend ist. (Jullien 1999a:61)

Kein Ideal, kein Plan zu dessen Umsetzung, kein Ziel. Eher das Vertrauen in die Dynamik der Situation und der Glaube an eine energetische Eigenbewegung der Dinge, der man nicht im Wege stehen sollte; eher geht es darum, Blockierungen aufzuheben, als die Entwicklung  absichtsvoll handelnd voranzutreiben. Am Ende geschieht, was geschehen soll, mühelos aber unausweichlich.

Wie klein auch der Ausgangspunkt sein mag, durch fortschreitende Akzentuierung kommt man zu den entscheidensten Ergebnissen. Es [das chinesische Denken, M.B.] war besonders empfänglich für die Art und Weise, in der etwas, das nicht unterbrochen wird, allein auf Grund dieser Tatsache dazu gebracht wird, sich zu „entfalten“, sich zu „verstärken“, sich zu „verdichten“ und durch regelmäßige Ansammlung mehr und mehr Konsistenz anzunehmen (…). (Jullien 1999a:82)

Wer wirksam sein will, der muss warten können. Denn wenn sich nichts entwickelt, die Situation gerade nichts hergibt, das Gegenüber keine Risse auffweist, die man durch stetige Arbeit vergrößern könnten, dann muss man „abwarten und Tee trinken“. Allerdings mit einem wichtigen Akzent. Während man abwartet und Tee trinkt und die Sache aussitzt, beobachtet man genau, was gerade passiert. Es ist ein Zustand höchster und weitschweifender Aufmerksamkeit. Solange nichts passiert, muss man auch nicht aktiv werden. (Christian Tissier, französicher Aikidoka, sagt: „Don’t move for nothing.“) Wenn sich jedoch eine Veränderung der Situation ergibt, muss geprüft werden, inwiefern dies im eigenen Sinn ausgebeutet werden kann.

Aufspüren wäre vielleicht der beste Ausdruck: Weil der Weise äußerst genau die Gegenwart „erforscht“, macht er in ihr bereits die Präsenz dessen aus, mit dem sie schwanger geht, das aber noch nicht erschienen ist. (Jullien 1999a:105)

Wenn es nun nicht darum geht, einfach eine andere Weise der Umsetzung, der Methodik anzuwenden, die irgendwie verspricht, einfacher und gleichzeitig erfolgreicher zu sein – das Haus bauen, das Kind erziehen, die Firma leiten – was dann, lehrt uns die chinesische Art zu Denken sonst? Wohl weniger ein positives Etwas, das wir lernen könnten, sondern zunächst eine Irritation, die wir dadurch erfahren, ein Denken vorgestellt zu bekommen, welches wir uns nicht wirklich vorstellen können.

Es gäbe noch viel zu sagen zu Julliens Lektüre des chinesischen Denkens. Ich möchte mich am Ende eines langen Blogeintrags jedoch damit bescheiden, ein Beispiel dafür zu geben, wo wir das planlose Vorgehen ohne Reue favorisieren und uns für eine Weile in den Genuss der Situation und ihres Potentials hineinbegeben. Ein Beispiel dafür, wo wir das chinesische Denken ohne Widerstand nachvollziehen können:

Ein gutes Gespräch zwischen Freunden ergibt sich. Ich möchte nichts lenken, ich werde  argumentieren, aber ich will nicht unbedingt überzeugen, genau wie mein Gegenüber. Vielmehr wird das Gespräch genährt, indem ich folge, zuhöre und spreche. Ich, genau wie mein Gesprächspartner, wir beobachten das Gespräch, das, was gerade im Moment passiert und reagieren auf diese aktuelle Wirklichkeit. Wir spinnen fort, gehen aufeinander ein, schließen an, lassen verebben… In glücklichen Augenblicken schaffen wir gemeinsam eine Leere, in die hinein sich etwas ereignen kann.

Nachbemerkung

Um dem Kontext der Jullien’schen Analyse annähernd gerecht zu werden, darf hier ein entscheidender Hinweis nicht fehlen. Das chinesischen Denken, welches Jullien betrachtet, folgt keinen in unserem Sinn ‚humanitären‘ Werten – etwa die Ideale der Aufklärung: Gleichheit, Freiheit, Mündigkeit, Wahrheit. Es wird auch nicht verwundern, dass christliche Ideale, wie zum Beispiel das der Nächstenliebe keine Entsprechung haben. Der Despot findet in diesen Denken  genauso seinen Platz wie der Stratege, der Intregant, der Philosoph, der Bauer oder der Bürger; der Krieg genauso wie die Wirtschaft, die Politik, die Arbeit und das alltägliche Leben. Es geht nicht um das ‚richtige‘ Leben, das Individuum und dessen Selbstverwirklichung und schon gar nicht um die Liebe.

Vor diesem Hintergrund stellen die westlichen Moden, die im exotischen Denken einen reichen Quell für das persönliche Wachstum finden (Tao des Sex, Kombucha und auch Aikido etc.) eine Art Chinoiserie im Bereich der ‚Lebenskunst‘ dar, die auf „die vermeintlich heile Welt der Chinesen“ und allgemeiner auf die asiatischen Weisheit verweist (vgl. Jullien 2006:26f.). Insofern ist auch das von mir angeführte ‚Gespräch mit einem guten Freund‘ mehr eine Metapher (eine ‚Gedankenübertragung‘) und weniger ein Beispiel (als spezifischer Fall einer allgemeinen Idee).

Das chinesische Denken ist funktional, streng und natürlich im Sinne einer Orientierung an einer kosmischen Ordnung. Es ist nicht rational im Sinne von Zweckbestimmung und nicht moralisch im Sinne von Gut und Böse. Es kennt kein Glück und kein Pech. In seiner Konsequenz kann es skandalös und grausam sein:

Die alten Abhandlungen zur Strategie zögern nicht, diese Ressource [das Situationspotential, M.B.] bis zum Äußersten auszuschöpfen – auf die Gefahr hin, uns zu schockieren. Denn um die Situationsenergie zu erhöhen, stützt sich der chinesische Stratege nicht nur auf das, was in der Topgraphie oder an Zustand der Truppen für seinen Gegener von Nachteil sein kann, sondern er richtet die Situation auch so ein, daß seine Truppen dahin gebracht werden, ein Maximum an Eifer zu entfalten. Dabei genügt es, daß er sie in eine gefährliche Situation bringt, in der ihnen nchts anderes übrig bleibt, als mit allen Kräften zu kämpfen, um wieder herauszukommen (…). Daher eröffnet er die Schlacht erst auf „tödlichem Terrain“, das heißt, wenn seine Truppen tief in das feindliche Territorium eingedrungen sind; das ist so, als ob er sie hätte hoch hinauf steigen lassen und ihnen dann „die Leiter wegnähme“; da sie sich nicht zurückziehen können, sind sie dazu verurteilt, bis zum Äußersten zu kämpfen. Er erwartet also von seinen Männern nicht, daß sie von Natur aus tapfer sind, als ob es sich um eine ihnen innewohnende Tugend handelte, sondern er zwingt sie durch die Gefahrensituation, in die er sie führt, tapfer zu sein. Sie sind wider ihren Willen dazu gezwungen. Und das gilt auch umgekehrt: Wenn er sieht, daß der Feind in die Enge getrieben ist und keine andere Möglichkeit hat, als bis auf den Tod zu kämpfen, dann schafft er ihm selbst ein Schlupfloch, damit der Gegner nicht dazu getrieben wird, seine ganze Kampfkraft einzusetzen. (Jullien 1999a:35f.)

Literatur

  • Jullien, François (1999a): Über die Wirksamkeit, Berlin: Merve.
  • Jullien, François (1999b): Über die Zeit. Elemente einer Philosophie des Lebens, Berlin: Merve.
  • Jullien, François (2002): Der Umweg über China. Ein Ortswechsel des Denkens, Berlin: Merve.
  • Jullien, François (2004): Die Kunst, Listen zu erstellen, Berlin: Merve.
  • Jullien, François (2006): Sein Leben nähren. Abseits vom Glück, Berlin: Merve.

Kategorie: Allgemein, Literatur, Philosophie Kommentare deaktiviert für Über François Jullien und das planlose Leben

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