Republica 2012 – Tag 3: Mein Blick in den Rückspiegel

Mashup-Logo von Mario Amaya, CC BY-NC-SA 2.0

Jetzt ist alles schon so lange her, soviel zwischendurch passiert, aber ich möchte meinen Rückblick zur Republica 2012 noch zu Ende bringen. Also: Tag 3.

Ich habe ein neues Wort gelernt: Geflauscht. Ich glaube, alle außer mir wußten schon, das ist das neue In-Wort für „nett und kuschelig“ mit anderen Menschen umgehen, das Gegenteil von „kritisch“, „missbilligend“ und „zurückweisend“. Da geht es mir wie Kathrin Passig, die auch nicht immer weiss, was in der Sprache state of the art ist. Sie fragte ihren 12-jährigen Cousin (soweit ich mich erinnere) um Rat, welche Begriffe einer Auswahl man denn so als Jugendlicher noch als frisch empfindet, und welche bereits seit Jahren verottet sind. Das ist ja das Kapital von Leuten, die mit der Sprache umgehen: zu wissen, welche Worte und Formulierungen wie frisches Obst den Käufer finden, und welche verschmäht und abgelehnt werden, weil sie schon verfault sind.

Anders als bei der Sprache findet Passig das bei der Kleidung einfacher: Da suchem H&M und Konsorten die richtigen Klamotten für einen aus, veraltetes gibt es gar nicht zu kaufen. Also: Ein regelmäßiger Gang zum nächsten Bekleidungshändler hält den Konsumenten frisch.

Damit habe ich auch gleich das Ende meines Rückblicks eingeleitet und den Schluss an den Anfang gesetzt: der Talk von Kathrin Passig mit dem trockenen Titel „Standardsituationen der Technologiebegeisterung„. So sachlich der Titel so humorvoll und intelligent der Vortrag. Passig schrieb vor einiger Zeit einen Artikel, der sich über die reflexartige Kritik und Weinerlichkeit lustig macht, immer wenn neue Technik die Gesellschaft umkrempelt. Nun, drei Jahre später und klüger, nutze sie den prominenten Redeplatz auf der Republika, um die andere Seite zu beleuchten:

Ob Eisenbahn, Maschinengewehr, Radio, Telefon, Fernsehen oder Internet: Es findet sich immer jemand, der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Weltfrieden für quasi automatisch eintretende Folgen der neuen Technologie hält.

Das war erhellend, vor allem aber sehr erquicklich, da sich in Passig’s Rede Grips, Sprachwitz, Lakonik und bedeutsame Pausen aufs Beste miteinander verbanden.

Jörg Blumtritt, René Walter, Vasco Sommer-Nunes, Nico Lumma: Blogvermarktung

Wie kann ich mit meinem Blog endlich Knete verdienen? Wie mache ich mich trotzdem nicht zur Hure von Unternehmen? Warum sind die Amerikaner uns immer um 3 Jahre voraus? Diese und ähnliche Fragen bewegten die Diskussion um das Thema Blogvermarktung.

Ich weiss nun, dass Marketingabteilungen, die nur 500.000 EUR pro Jahr zur Verfügung haben, geneigt sind, sich ein passendes Blog für ihre Produktpalette zu suchen. Das ist einfach zu wenig Geld, um TV-Spots und andere kostspielige Werbeformen zu kaufen. Wer also ein Kosmetik-, Mode- oder Food-Blog mit überdurchschnittlicher Reichweite betreibt, der muss den Bildschirm nicht mit Bannern zukleistert. Regelmäßige Einkünfte bringen da viel eher Beiträge im Auftrag eines Herstellers von Lippenstiften, Designer-Schals oder italienischer Salami (sogenannte Advertorials). Zumal man ja sowieso über diesen Kram berichtet. Man muss natürlich aufpassen, dass man seine Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiels setzt. Also: Beiträge immer als Auftragsarbeiten kennzeichnen. Natürlich kann man auch Banner schalten. Das ist aber häßlich, verprellt unter Umständen ebenfalls den ein oder anderen Lesen und bringt zudem nicht viel ein.

Man sieht schon: Ich halte nicht viel von der Blogvermarktung. Natürlich muss man leben. Doch da fast unsere gesamte zivilisierte Welt mit Werbeplakaten zugekleistert ist, freue ich mich über jedes werbefreie Blog und verbreite bei dieser Gelegenheit gleich ein lustiges Zitat zum Thema Marketing von Michel Serres:

Man sagt, die Huren von Alexandria hatten früher den Brauch, ihre Initialen in Spiegelschrift in die Sohlen ihrer Sandalen zu ritzen, damit der mögliche Freier, der ihre Spur in den Strandsand eingedrückt liest, sowohl die begehrte Frau als auch die Richtung erkennt, in der sich ihre Bettstatt findet. Die Vorstandschefs der von den Werbeagenturen auf den Plakaten der Stadt reproduzierten großen Marken werden hoch erfreut sein, zu erfahren, dass sie in diesen Huren als deren artige Söhne in gerader Linie abstammen.

Silke Helfrich: Commons: Was Saatgut und Software gemeinsam haben

Silke Helfrich ist Betreiberin des Commons-Blog und eine Kämpferin für die Idee des Gemeinguts. Was genau ist das? Zunächst einmal sind es die Dinge, die wir von Generation zu Generation vererben. Das, was man auch die Gaben der Natur nennt. Dann natürlich, das, was wir gemeinschaftlich herstellen; zum Beispiel die Sprache oder auch Software (Open Source). Und schließlich auch das, was wir alle brauchen, etwa das Wasser und die Luft. Dem Gemeingut (oder auch: der Allmende) droht immer die Über- oder Unternutzung. Übernutzt werden die Meere, die Luft und andere natürliche Ressourcen. Unternutzt werden beispielsweise die vielen kulturellen Schätze (Musik, Wortbeiträge, O-Töne), die in den Archiven der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten liegen. Dass der Mensch als gewohnheitsmäßiger Nutzenoptimierer gemeinschaftliche aber begrenzte Ressourcen regelmäßig erschöpft, wird mit dem Konzept der Tragik der Allmende beschrieben. Demgegenüber steht jedoch die „Tragik der Anti-Allmende, [bei der, M.B.] eine Vielzahl an Rechteinhabern […] das Erreichen eines sozial erwünschten Resultats [verhindert, M.B.].“ Die Lösung der Übernutzung, so erklärte Helfrich, bestehe in der Einhegung der Allmende. Das gemeinschaftlich genutze Gut muss dazu aber nicht privatisiert werden. Was wir brauchen, sind gemeinschaftlich bestimmte Nutzungsregeln. Noch grundsätzlicher geht es um die staatlich verbriefte Selbstorganisation einer Gemeinschaft, die damit die Sorge um die von allen benötigten Ressourcen übernimmt, und dies nicht der Privatwirtschaft überlässt. Ganz ähnlich plädierte Moglen in seinem Beitrag dafür, dass wir als Nutzer, nicht der Staat oder ein Unternehmen, die Regeln für die Nutzung des Netzes definieren.

Michel Bauwens: Planet hackers. When the hacker ethos meets green concerns

Michel Bauwens ist (neben anderem) ein belgischer Internetunternehmer, der vor ungefähr 10 Jahren starke Zweifel an der Zukunftsfähigkeit der neoliberalen Wirtschaftsordnung hegte. Er begann das Modell Peer-Ökonomie zu erforschen und zu fördern, welches er im Vortrag näher erläuterte. Typisches Beispiel für eine Form der Peer-Ökonomie ist Produktion freier Software, etwa Linux. Mit Linux ist ein konkurrenzfähgies, mittlerweile weit verbreitetes Produkt nicht nur aber maßgeblich außerhalb kapitalistischer Produktionszusammenhänge entstanden (nicht durchfinanziert, freiwillig, kollektiv, frei verfügbar). Bauwens interessiert, welche Energie in solchen Projekte steckt, welche Organisationsform trotz aller Freiheit notwendig ist und wie man diese Form der Produktion fördern und ausweiten kann. Eine Einführung zum Thema und gleichzeitig Zusammenfassung, dessen, was Bauwens auf der Repulica vorstellte, bietet der Vortrag: „“Häng ‘ne Null dran”: Von der Entdeckung der Peer-Ökonomie“, den Silke Helfrich transkribiert und übersetzt hat.

Anja C. Wagner, Jonas Liepmann, Michelle Thorne, Christian Gmelin: Do It Yourself! Netzwerke für DIY-Education.

Jeder der drei eingeladenen Gäste stellte ein Projekt aus dem Bildungsbereich vor. Es ging, kurz und falsch, um die bessere Vernetzung der akademischen Welt (Jonas Liepmann, iversity GmbH) und die Renovierung und/oder Ablösung überalteter Lernformen im Zeichen des Internets. (Michelle Thorne, Mozilla Foundation und Anja C. Wagner, ununi.tv)

Marcus Lindemann: Was das Netz über einen Netizen weiß

Eine überaus interessante Session, die mit dem ein oder anderen skandalträchtigen Faktum aufzuwarten hatte. Wir sind ja alle nicht mehr naiv und können uns gut vorstellen, was man so alles über eine Person aus dem Netz erfahren kann.

Zusammen mit Jan Schneider veröffentlichte Marcus Lindemann im Januar 2011 einen Artikel in der C’t. Im Teaser dazu heisst es:

Für diesen Artikel haben wir beispielhaft das Profil einer realen Person erstellt, indem wir frei verfügbare Informationen im Internet suchten und verknüpften. Als Protagonisten wählten wir einen Mitarbeiter eines Internet-Unternehmens. Der hatte damit zunächst kein Problem – bis er den fertigen Artikel sah. Dann bekam er kalte Füße.

In der Session berichtete Lindemann einige Details dieser Recherche und zeigte Ausschnitte aus einer noch nicht gesendeten Dokumentation für das Fernsehen, in der weitere Personen mit dem, was über sie im Netz zu lesen ist, konfrontiert wurden.

Die Lektüre dieses Artikels empfehle ich sehr, belegt er doch einmal mehr, was wir entweder alle schon wissen oder zumindest ahnten:

  1. Für sich genommene harmlose und unbedeutende Informationen lassen sich vor dem Hintergrund einer umfangreichen Recherche zu einem Persönlichkeitsbild zusammenfügen, welches der Betroffene so sicher nicht veröffentlicht sehen will (z.B. neben detaillierten Informationen über Frau und Kind konnte im genannten Fall auch die vormalige Beziehungsgeschichte des Netizen beleuchtet werden.)
  2. Je mehr Daten über eine Person kursieren, desto mehr Fehler können passieren. Der Fotograf des Betroffenen verlinkte eine kleine Auswahl der Hochzeitsbilder der Veranstaltung ins Netz, übersah dabei jedoch, dass in demselben Ordner über 300 weitere Bilder mit der richtigen URL zugänglich waren. Diese Bilder dienten Lindemann und Schneider für weitere Recherchen (u.a. über die Bildanalysefunktion von Picasa); so konnten Freunde, Verwandte und Arbeitskollegen identifiziert werden.
  3. Die Verwendung von Nicknames bei Twitter, Google oder anderen sozialen Diensten kann zwar die eigene Identität verstecken, ist jedoch prekär: Taucht dieser in irgendeiner Kombination mit dem Klarnamen auf, so lassen sich über namechk.com weitere Dienste herfinden, bei denen eben dieser Nickname verwendet wird. Oft handelt es sich dabei um Treffer, sodass die über den Nickname geschützte Identität ein für alle Mal kompromitiert ist.
  4. Die Mittel für eine solche Recherche sind allgemein verfügbar und einfach zu gebrauchen. Wie oben schon erwähnt, wurde Picasa und ähnliche Tools zur Analyse der Fotos verwendet (wer wird wie oft auf welchen Bildern erkannt?); ein Skript diente zum Download von hunderten von Twitter-Nachrichten, die lokal gezielt durchsucht werden konnten. Ansonsten halfen Google, Yasni und andere Späher.
  5. Besonders ergiebig ist die Suche im Umfeld, also bei Verwandten, Bekannten und Freunden. Man kann sich vorstellen, was alles zu Tage befördert werden kann, wenn man die Facebook-, Twitter- und Stayfriends-Accounts von 10 Personen aus dem Umfeld des eigentlichen Ziels auswertet.

Fazit: Ist man kein Verfechter der Post-Privacy-Bewegung, will aber trotzdem im Netz als Person präsent sein, dann wird es schwierig. Das Bedürfnis das eigene Image zu kontrollieren steht quer zum faktischen Kontrollverlust; dieser ist das Ergebnis einiger simpler Bedingungen:

  • Alles kann kopiert, analysiert und verknüpft werden.
  • Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Daten werden verfügbar, desto mehr Rückschlüsse vom Detail auf große Ganze und andersherum sind möglich. Vergessen gibt’s nicht – oder nicht wirklich.
  • Jeder kann wenn er will zum Privatschnüffler werden. Spezialwissen ist hilfreich aber nicht nötig.

Dirk von Gehlen: Mashup – Lob der Kopie

Der Vortrag hat mir sehr gut gefallen. Da ich mir aber keine Notizen gemacht habe – ich war wohl schon zu müde – und auch Gehlens Buch noch nicht gelesen habe, gibt es an dieser Stelle keinen weiteren Kommentar.

Michael Seemann: Infrastruktur und Kontrolle. Plattformneutralität als Politik emergenter Strukturen

Ich bin nur 20 Minuten beim Vortrag geblieben und hatte dann keine Lust mehr. Durchaus interessant aber auch ein bisserl verquast. Kann man sicher im Blog von Seemann nachlesen oder sich gleich hier ansehen.

Wie immer gilt auch hier: Wer spricht, kricht Licht.

Kategorie: Allgemein, Bildung, Netz Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Republica 2012 – Tag 3: Mein Blick in den Rückspiegel”

  1. frau Vogel

    Vielen Dank für de Beschreibung der Sessions, die ich nicht besucht hatte. Das hilft.
    Kein Ärmchen, kein Keks.