Republica 2012 – Tag 2: Mein Blick in den Rückspiegel

Spiegel weiss nichts von Sascha

Wie entäuschend. Ich hatte den Vortrag von Sascha verpasst. Auch der Spiegel konnte mir am Abend des 2. Tages nicht helfen. Hatte ich mich vertippt?

Hier nun mein zweiter Tag im Rückblick.

Sascha Lobo, Jan Möller, Martina Pickhardt, Falk Lüke: Der digitale Dorfplatz: Privat oder öffentlich? (Diskussion)

Sind Facebook und Twitter öffentliche Orte? Müssen soziale Plattformen als Teil einer quasi-öffenlichen Kommunikationsinfrastruktur verstaatlicht werden, um Zugang und Meinungsfreiheit zu sichern? Oder wäre es kontraproduktiv, wenn der Staat hier mehr als regulatorisch eingriffe? Reicht es aus, wenn sich die Anbieter sozialer Netzwerke auf einen freiwilligen Codex und Standards einigten, die beispielsweise den Wechsel der Plattform erlaubt (Stichwort: Data Portability)?

Solche und ähnlich Fragen besprachen die Diskutanten. Es wurde bekrittelt, dass Konzepte wie „öffentlich“ und „privat“ unscharf sind, was dazu führt, dass eigentlich niemand so genau weiss, wovon der andere redet. Als einer aus dem Publikum sich auf Jürgen Habermas und dessen Frühwerk „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ berief, fühlte sich Sascha Lobo bemüssigt, den Habermas-Kenner in Lächerliche zu ziehen. Habermas‘ Öffentlichkeitsbegriff habe ja nun rein gar nichts mit dem Netz zu tun und man solle solche alten Kamellen doch nicht mehr in den Mund nehmen. Ich fand das sehr unangenehm. Am Ende kam nicht viel raus, ausser vielleicht der Einsicht, dass die Metapher vom /digitalen Dorfplatz/ doch wenig zielführend sei, da das Netz mit der dörflichen Gemeinschaft ungefähr soviel zu tun habe, wie Federball mit Badminton.

Ivan Sigal, Bjarke Myrthu: New directions in visual storytelling

Das Internet verändert und erweitert das (journalistische) Erzählen von der Welt. Vor allem zwei Dinge haben sich gewandelt. Im Gegensatz zu Zeiten mit Zeitungen, TV und so weiter ohne Netz kann nun jeder erzählen und publizieren. Der Konsument und Leser wird zum Remixer, Kurator und/oder Autor. Umso einfacher Medieninhalte produziert und verteilt werden können, desto schwieriger aber wird die Frage, wer das eigentlich und mit Interesse  alles lesen soll. Auch wenn es theoretisch ein leichtes ist zur gesamten Welt zu sprechen, bleiben die interessanten Geschichten für eine Öffentlichkeit die Ausnahme. Für den Geschichtenerzähler – so Sigal und Myrthu – sollte die Frage nach dem Publikum im Vordergrund stehen: Wem soll etwas erzählt werden? Welche Zielgruppe soll angesprochen werden? Wen betrifft, was man zu sagen hat. Wie bekommt man seine community?

Ein Modell für die Geschichtsschreibung durchs Kollektiv finden die Sprecher in 18 Days in Egypt; dies ist eine Plattform, auf der Videos und Texte von Augenzeugen der ägyptischen Revolution gesammelt werden. Das National Film Board of Canada fördert und präsentiert unterschiedliche Formen der non-linearen und interaktiven Erzählung. Ich habe mir das kurz reingesehen. Wer Zeit und Lust  hat kann sich darein vertiefen.

Stephanie Hankey, Marek Tuszynski: The four arts of visual persuasion

Ein interessanter Vortrag mit Folien, die angenehm über das übliche Textgewusel hinausgehen. Kein Wunder. Es ging darum, wie die Daten, die ein kritisches Licht auf die Mächtigen dieser Welt werfen, so aufbereitet werden können, dass sie auch überzeugen und politisch wirksam werden. Längst schon haben Gesellschaftskritiker, Aktivisten, Globalisierungsgebner und Ökologen begriffen, dass Aufklärung nicht nur eine Sache der Information sondern auch der (visuellen) Rhetorik ist. Dabei kann man von der Werbebranche lernen, deren Ziel es schon immer war, den Konsumenten gefühlsmäßig zu erreichen. Ob Straßenmagazine, Greenpeace oder auch Anonymous – man verkauft sich und die Botschaft besser. Dies gilt insbesondere in einer Netzwelt, die in bisher nicht gekanntem Maße Informationen (genauer: Rohdaten) bietet; diese erschließen sich jedoch nicht von selbst, sondern müssen so bearbeitet werden, dass nicht nur korrekte sondern auch eindringliche Darstellungen entstehen.

Ein Mashup von Google Maps und einer visualisierten Statistik über die im Irak gefallenen Zivilisten beispielsweise korregiert den falschen Eindruck, der u.a. durch CNN im Irakkrieg erzeugt worden ist. Dort stehen 1.500 gefallene und gefeierte Soldaten gegenüber 66.000 namenlosen irakischen Zivilisten.

In diesem Zusammenhang lohnt ein Blick auf Backspace; dort finden sich eine ganze Reihe von Karten und Diagrammen, die politsche Ereignisse und Verhältnisse visualisieren.

Wer noch mehr über das Thema wissen möchte, schaue sich die Website von Tactical Technology Collective; deren Claim bringt die Sache auf den Punkt bringt: Turning Technology into Action.

Ich selbst möchte die Aufmerksamkeit noch auf den Bibliothekar und Künstler Marc Lombardi lenken, dessen Netzwerkgrafiken vom FBI zu Recherchezwecken verwendet wurden. Er nannte seine Diagramme narrative structures.

Falk Lüke, Stephan Noller: Let’s streit: Wer darf mich tracken? (Diskussion)

Der Journalist Falk Lüke und der Unternehmer Stephan Noller (Wow! Mit Wikipedia-Eintrag) diskutierten darüber, ob, wieviel und warum die Werbewirtschaft über unsere Online-Gewohnheiten wissen darf und soll. Kein weiterer Kommentar.

Tobias Neisecke: Electric Body Music. Wenn die Blutdruckmanschette zur Popkultur wird

Tobias Neisecke ist Krankenpfleger und Arzt. Er erzählte dem Publikum lustige und spannende Sachen über alte und neue Weisen seine Gesundheit zu erhalten, Krankheit zu verwalten und andere daran teilhaben zu lassen. Ein Beispiel daraus möchte ich hier darbieten. Die Plattform CureTogether bietet den interessierten Kranken die Möglichkeit, ihre Leiden und die erproben Therapien und Mittel zu erfassen. Neisecke kommentierte kompetent und kurzweilig die zwei Seiten der Medaille; dies am Beispiel einer Grafik, die 2.800 Datensätze von Patienten (oder Prosumenten) mit Sodbrennen auswertet (Folie 31): Einserseits enstehen umfangreiche Datensammlungen etwa über die Wirksamkeit bestimmter Medikamente oder Hausmittel. Das freut die Leidenden und vielleicht auch die Pharmaindustrie (wenn die ersteinmal anfangen Werbung zu verkaufen!). Andererseits begegnet man hier klassichen Stilblüten der Statisik und schlecht interpretierter Infografiken: Sodbrennen läßt sich offensichtlich auch durch Gewichtsverlust bekämpfen. Allerdings nur wenn man entweder richtig fett oder schwanger ist (denn – ganz unmedizinisch – dann drückt der Ballast auf den Magen). Für Normalgewichtige ist das keine wirklich sinnvolle Strategie. AcipHex ist hilfreich und sehr populär. Prilosec ist genauso hilfreich, wird aber kaum genommen. Kein Wunder. Als Generika enthält ersteres genau das gleich wie letzteres, ist aber wesentlich günstiger.

Fazit: Hätte sich das ein kompetenter Arzt vorher angesehen und allgemeinverständlich erklärt, gäbe es für die Masse der Leidenden gleich zwei wesenlich Erkenntnisse. Nicht nur könnten sie ihre Krankheit besser behandeln, sondern hätte auch gleich eine Lektion darüber gelernt, wie interpretationsbedürftig Statistiken sind.

Kategorie: Allgemein, Bildung, Netz Ein Kommentar »

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