Post-Privacy – Plädoyer für eine bessere Gesellschaft? (1)

Post-Privacy auf dem Klo? (Lizenz: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication)

Nach der Privatheit auf der Toilette (Lizenz: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication)

Am 20.01.2012 war ich bei Jürgen Geuters Vortrag „Wie wir den Kampf um Privatspäre verloren – und trotzdem glücklich werden„, den der CCC Bremen organisiert hatte. Jürgen Geuter, alias tante, gehört zur sogenannten datenschutzkritischen Spackeria, Anänger der Post-Privacy-Bewegung.

Die Diskussion tobt schon eine gefühlte Ewigkeit – jedenfalls für die beschleunigten Verhältnisse unserer Zeit. Eine gute Übersicht über Konzept und Entstehung der Post-Privacy-Bewegung verfasste einer ihrer Vertreter, der Blogger Michael Seebaum alias mspro. Jetzt erst komme ich dazu, mir die Sache genauer anzusehen und niederzuschreiben, was ich dazu denke. In diesem Beitrag möchte ich zusammenfassen, was ich verstanden habe. Ein wenig Zweifel und Kritik will ich auch schon hier laut werden lassen. In einem weiteren Artikel, will ich dann versuchen, den Überlegungen der Post-Privatisten ein wenig genauer auf den Grund zu gehen.

Die Post-Privacy-Bewegung ist der Ansicht, dass wir offensiv mit der Tatsache umgehen sollten, dass zunehmend personenbezogene oder personenbeziehbare Daten in digitaler Form vorliegen und also ihren unumkehrbaren Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben. Das ist gut so, weil mit der allgemeinen Verfügbarkeit von Informationen ein utopisches Potential sichtbar und – wenn es genügend Mitstreiter gibt – auch realisiert werden kann: Wenn jeder über alle Informationen verfügen kann, wenn also auch die Datenhoheit, die der Staat und Privatunternehmen innehaben, aufgehoben wird, kann sich die Gesellschaft auf der Grundlage dieser Wissenstransparanz zum Positiven hin entwickeln.

Insofern denkt die Spackeria auf den ersten Blick lediglich konsequent zuende, was technologische Aktivisten seit den 60er Jahren vertreten: Information want’s to be free. Diese grundsätzliche Forderung teilen unterschiedliche Bewegungen wie z.B. die Open-Access-Initiative (freier Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen), die Gegner von geistigen Eigentumsrechten (freier oder zumindest freierer Zugang zu kulturellen Produkten), die Piraten, deren Überlegungen zur Idee der „flüssigen Demokratie“ führt (expertengeleitete, basisdemokratische Kultur der Entscheidungsfindung) und natürlich die Freie Software-Bewegung, die von ihren Apologeten als Keimform einer utopischen Umgestaltung der Gesellschaft gehandelt wird. Der Chaos Computer Club prägte die Formel: Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen. [1]

Der entscheidende Unterschied zu den genannten Initiativen ist, dass die Post-Privacy-Bewegung potentiell alle Daten befreit sehen möchte, um damit das Fundament für die „transparente Gesellschaft“ [2] zu legen.

Nach dieser Einführung möchte ich die Argumentation der Post-Privatisten etwas detaillierter darlegen. Als Grundlage dazu dient mir der oben erwähnte Vortrag sowie ergänzend Christian Hellers Buch „Post-Privacy“ [3]; man möge mich korrigieren, falls ich Wesentliches falsch verstanden oder unterschlagen habe:

Spackeria-Geschichte der Privatsphäre

Der Begriff der Privatsphäre ist ein schillernder. In der Weise, wie wir diesen heute gebrauchen, wurde er von Warren und Brandeis (1890) als „Recht auf Geheimhaltung“ formuliert [4]. Eine modernere Formulierung definiert als zentrales Merkmal der Privatheit, das Recht zu bestimmen, welche Informationen über mich als Person kommuniziert werden und in welchen Zusammenhängen dies geschieht (A. F. Westin, 1967) [5]; dieses Recht wurde vom Verfassungsgericht der BRD im Begriff der „informationellen Selbstbestimmung“ zusammengefasst [6].

Die Pivatsphäre ist ein vergleichsweise junges Konzept. Heller referiert in seine kleinen Geschichte des Privaten, dass der Vorläufer dessen, was wir als „privat“ bezeichnen unmittelbar mit der aufstrebenden bürgerlichen Klasse und insbesondere der bürgerlichen Familie zusammenhängt, deren Blüte sich im 19. Jahrhundert entfaltete. Auf diesen Aspekt ist zurückzukommen, verdeutlich er doch, dass es sich bei der Idee der Privatheit um ein gesellschaftlich-historisches Konstrukt und nicht um eine anthropologische Konstante oder eine überzeitliche Wahrheit handelt. Diese Erkenntnis der Relativität einer scheinbar festverankerten Idee dient wiederum den Postprivatisten als unterstützende Argumentation, Privatheit als überaltert und funktional nicht mehr sinnvoll zu verabschieden; in ganz ähnlicher Weise wird von Copyright-Kritikern (auch von mir) immer wieder auf die Tatsache hingewiesen, dass sich immaterielle Eigentumsrechte unter bestimmten historischen Umständen herausgebildet haben und nicht etwa den Status einer überzeitlichen Selbstverständlichkeit oder eines Naturrechts haben.

Was ist eigentlich „privat“?

Es ist unklar, was genau zur Privatsphäre gehört. Oder anders formuliert: Die Grenze zwischen persönlichen und öffentlichen Informationen ist fließend. Daten, die wir mehr oder weniger eindeutig der Privatsphäre zuordnen, sind zum Beispiel: Die Sozialversicherungsnummer, die politische Ausrichtung, die sexuelle Orientierung, die Höhe des Gehalts, der jeweilige Aufenthaltsort und viele unserer Lebensgewohnheiten.

Beim Lesen dieser Liste wird jedoch schon klar, dass es weniger um eine Geheimhaltung der jeweiligen Informationen geht, als vielmehr um deren situationsbezogene, selbstbestimmte Veröffentlichung. Wie wollte man politisch aktiv werden, ohne Farbe zu bekennen, einen Partner finden, ohne sich über seine Sexualität mitzuteilen, sein Gehalt ohne Sozialversicherungsnummer beziehen oder Freunde treffen, die gar nicht wissen, wo man sich aufhält? Trivialerweise schließt der Wunsch, ein soziales Leben zu führen, die Notwendigkeit seine Privatheit aufzugeben, mit ein.

Nicht sonderliche präzise aber pragmatisch verwendet die Post-Privacy-Begung den Begriff der „Information“ in vielen Fällen synonym mit dem Begriff „Daten“ [7]. Daten sind – im Kontext der Post-Privacy-Diskussion – digitalisierte Informationen. Dementsprechend wundert es nicht, dass die Diskussion um die Privatsphäre sich in dem geschichtlichen Augenblick zuspitzt, in dem neben unserer guten alten realen Welt eine Datenwelt entsteht: im digitalen und vernetzten Zeitalter.

Das Verschwinden der Privatsphäre

Die Privatsphäre ist von mindestens drei Seiten her bedroht:

  1. Vom Staat: Der Staat sammelt Daten, die zur Verwaltung der Bevölkerung ge- und immer wieder auch missbraucht wird. Es ist unklar, wie genau und in welchen Zusammenhängen diese Informationen verwendet werden.
  2. Von Unternehmen: Nahezu alle Unternehmen sammeln personenbezogene Daten für kommerzielle Zwecke. Allen voran gerieren sich Facebook und Google als die mächtigsten Datenfresser.
  3. Von unseren Mitmenschen: Peter Goggle macht ein Foto auf einer Party und veröffentlicht es auf seinem Flickr-Account oder auf Facebook. Ich bin auf dem Foto. Anneliese Fassbuk schreibt einen Blog-Beitrag über das letze EduCamp; sie erwähnt, dass ich bei der ihrem Vortrag folgenden Diskussion eine äußerst abwegige Meinung vertreten haben.

Beim Schutz von (persönlichen) Daten gibt es zwei wesentliche Aspekte. Zum einen die rechtliche Seite, die juristische Definitionen und Mittel bereitstellt, um den den Rahmen abzustecken, innerhalb dessen reguliert wird, wer, wann und unter welchen Umständen personenbezogene oder personenbeziehbare Daten kopieren oder löschen darf; im eigentlichen, sprich technischen Sinn geht es letztlich um diese beiden Vorgänge. Die technische Dimension hat nun die Aufgabe, diese gesetzliche Regulierung von Kopie und Löschung umzusetzen.

Datenschutz ist technisch unmöglich

Man kann es drehen und wenden wie man will: Datenschutz ist im strengen Sinn nicht möglich. Was einmal digitalisiert und im Netz kopiert wurde, ist virtuell frei. Jürgen Geuter zitiert als Gewährsmann für diese Tatsache Bruce Schneier mit dem Ausspruch: „Making Bits harder to copy is like making water that is less wet.“ Daten im Netzwerk verhalten sich wie Viren unter Wirtstieren. Es ist schlichtweg unmöglich, seine eigenen Daten für sich zu behalten – ausser man lebt in Quarantäne. Damit ist für die Spackeria das Thema technischer Datenschutz zunächst einmal erledigt.

Datenschutz ist repressiv

Datenschutz macht den Bock zum Gärtner – oder zumindest: zum Haustier des Gärtners. Der Gesetzgeber hat ein ambivalentes Interesse: Einerseits will er via Datenschutz den Bürger vor sich, dem Staat, schützen; andererseits hat er ein Interesse daran, möglichst umfangreich Daten zu erheben, um damit die Mittel zum Zwecke der Verwaltung sicherzustellen. Aktuellen Ausdruck findet diese Ambivalenz im Staatstrojaner oder bei der Funkzellenabfrage in Berlin; in beiden Fällen geht es um die Verhältnismäßigkeit der Mittel und die Frage, ob das staatliche Sicherheitsinteresse (im Sinne des Bürgers) mit dem Recht auf Privatsphäre vereinbar ist. Für die Spackeria schützt der Staat via Datenschutz weniger den Bürger und mehr sich selbst.

Datenschutz ist in einer globalisierten Welt nicht durchsetzbar

Ebenfalls hat der Staat den Anspruch, die Bevölkerung vor gierigen Unternehmen zu schützen (Verbraucherschutz). Angesichts eines global Netzes erscheint dies jedoch als prekäres Unterfangen. Das Netz und die sich darin tummelnden Unternehmen halten sich im Zweifelsfall nicht oder nur dort, wo es die realweltliche, weil lokale Marktpräsenz unbedingt erfordert, an nationalstaatliche Gesetzesgrenzen (wie z.B. im Fall von Google Streetview). Ein Server einschließlich des Datenbestandes kann innerhalb von Stunden an anderer Stelle geklont werden. Absehbar wird diese Flexibilität noch durch die Wolke (Cloud Computing) verschärft: Irgendwann wird gar nicht mehr nachvollziehbar sein, von welchem physikalischen Ort her Daten abgerufen werden (und unter welchen Gerichtsbarkeit solche Vorgänge stehen).

Was bleibt übrig?

Soweit die sehr verkürzte Zusammenfassung einiger zentraler Aspekte der Spackeria-Postion. Was folgt daraus? Die Post-Privacy-Aktivisten sind Erben einer technologisch motivierten Aufklärung, insofern sie annehmen, dass ein Mehr an Daten, ein Mehr an Toleranz, Solidarität und schlussendlich eine bessere Gesellschaft erzeugen. Dementsprechend ziehen sie die Konsequenz, dass, wenn Herrschaftwissen nicht eingeschränkt oder gar verhindert werden kann, jeder dieses Wissen haben soll.

Kommunikation (im Post-Privacy-Jargon: Teilen von Daten) kann die Entstehung von Solidargemeinschaften befördern. Beispiele für diese Einsicht sind der Rassismus, die Frauen-, die Lesben- und Schwulenbewegung. So schmerzhaft und gefahrvoll es zunächst für die Einzelne und den Einzelnen war, das erlebte Leid, die faktische Rechtlosigkeit und die eigene sexuellen Orientierung öffentlich zu benennen, so offensichtlich war die Notwendigkeit, Unterdrückung und Misshandlungen aus der Ecke heraus in die Mitte der Gesellschaft zu zerren. Es gab und gibt eine Repräsentationsproblem: Nur ein öffentliches gemachtes Problem kann zu einem gesellschaftlichen Problem werden.

So trivial diese Tatsache ist, so trivial ist es auch, dass Öffentlichkeit lediglich eine notwendige, keinesfalls eine hinreichende Bedingung zur Lösung der Probleme ist. Den Feminismus gibt es – darüber läßt sich bestimmt streiten – seit Anfang des 18. Jahrhunderts. Dennoch werden Frauen in der Bundesrepublik Deutschland seit über 200 Jahren immer noch schlechter bezahlt, als ihre männlichen Artgenossen. Das Problem ist öffentlich, aber ungelöst; der Skandal liegt auf der Hand, das ändert aber nichts. Hier wird deutlich, dass die Wirkkraft gesellschaftlicher Machtverhältnisse in keinem direkten Zusammenhang zum Grad ihrer Bekanntheit steht.

Ähnliches lässt sich in vielen anderen Zusammenhängen belegen: Rassismus, Ausbeutung der dritten Welt, Prekariat, Wohlstandsgefälle usw. Natürlich gibt es auch belegbare Fortschritte, die zum großen Teil durch die Entstehung neuer und/oder erweiterter Öffentlichkeiten befördert wurden und werden: Indem Menschen im Netz die eigene Geschichte, Erfahrungen, Meinungen und Informationen teilen, entsteht ein riesiges Potential an praktisch nutzbaren Wissen, finden sich neue Leidens-, Interessens- und Lobbygruppen zusammen und bilden sich Solidargemeinschaften, die einander helfen und stützen können.

Das Netz ist offensichtlich auch ein äußerst fruchtbarer Humus für Gegenöffentlichkeiten und Demokratisierungstendenzen, die Bereiche erhellen, welche von staatlicher Seite, den etablierten Medien und Lobbyverbänden der Unternehmen am liebsten auf alle Ewigkeit im Dunklen oder Halbdunklen belassen werden sollten.

Wie dem auch sei [8], die Post-Privacy-Bewegung verlängert ihr Plädoyer für die Freiheit der Daten, gegen den Datenschutz und für das Ende der Privatheit bruchlos in die Utopie einer transparenten und vom Joch der ungleichen Wissensverteilung befreiten Gesellschaft.

Dieser Vision stehen noch einige zum Teil skurrile, zum Teil durchaus attraktive und nachvollziebare Überlegungen beiseite.

Skurril ist für mich folgendes:

Unsere angeborene Aufmerksamkeitsteilung hat sich über Millionen von Jahren angepasst an ein Leben zwischen Höhlen und Säbelzahntigern – vergleichsweise wenig Zeit haben wir im 21. Jahrhundert zugebracht. Gern glauben wir uns aufmerksam und rational. Aber wir handeln oft nicht getrieben von sorgfältigem Nachdenken und klarem Durchblick, sondern mit blinden Flecken und Urmensch-Instinkten. (…) Einer solchen Beschränkung der Wahrnehmung tritt das „quantified self“ durch Verdatung und Datenauswertung des Lebens entgegen. Ich mag mir einreden, dass ich genug schlafe, aber wenn ich mir die nackten Zahlen im Protokoll anschaue, sehe ich: Verdammt, ich schlafe zu wenig. Ich mag den Eindruck haben, dass Koffein mir beim Arbeiten hilft, aber wenn ich meinen Koffeinkonsum und meine Produktivität statistisch abgleiche, dann sehe ich: Koffein hilft mir gar nichts, ist reine Geldverschwendung. [9]

Der Konzept der „Rationalisierung des Selbst via Verdatung“ hat es sicherlich verdient, ein wenig genauer betrachtet zu werden. Das spare ich mir aber für den Folgebeitrag auf. Für jetzt kommentiere ich: Jedem Tierchen sein Pläsierchen und übe mich in Toleranz gegenüber der Vielfalt möglicher Selbstmanagementmethoden.

Nachvollziehbar ist dies hier:

Furcht resultiert oft aus Unwissenheit, die mit den schlimmsten Vermutungen ausgefüllt wird. Wir wissen wenig über diese oder jene Volksgruppe, über ihren Alltag, über ihre Interessen, über ihre Organisiertheit. Aber wir wissen, dass einer, der ihr angehört, einen Terroranschlag verübte. Wenn das das einzige ist, was wir wissen, dann wird es unser Bild über diese Volksgruppe bestimmen: Wissenslücken füllen wir mit Vermutungen, und natürlich gründen diese Vermutungen auf einem solchen Einzelfall, wenn er unser einziger Anhaltspunkt ist. [10]

So plausibel diese Erkenntnisse sind, wage ich zu bezweifeln, dass der hier angedeutete Prozess von Kommunikation und Verständigung, direkt und trennscharf der einen, privaten, oder der anderen, öffentlichen Sphäre zugeschlagen werden kann. Der Abbau von Vorurteilen – so wage ich hypothetisch zu behaupten – ist ein komplexer Prozess, der u.a. gerade auch in der Enstehung und Beförderung der privaten Begegnung stattfindet. Oder vorsichtiger: Der nicht unbedingt in den Weiten des Internet stattfinden muss. Wenn ich ein generelles Problem mit dem Islam habe und also hinter jedem Moslem einem potentiellen Terroristen vermute, dann werde ich meine „Filterkriterien“ entsprechend justieren und nach Bestätigung suchen. Treffe ich jedoch bei Freunden einen Menschen mit islamischem Glauben, der sich nach dieser Begegnung nicht mehr auf meine Vorurteile reduzieren läßt, so ist das (hoffentlich) ein Grund, meine Kriterien für meine selektive Informationsauslese zu ändern.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich glaube natürlich nicht, dass die Post-Privacy-Bewegung gegen die Privatheit wettert, weil sie solche zwischenmenschlichen Begegnungen unterbewertet oder verhindern möchte. Ich glaube allerdings, dass sie die Dialektik von Privatheit und Öffentlichkeit – wie man so schön sagt – unterkomplex darstellt oder besser: unterschlägt und damit das Kind mit dem Bade ausschüttet.

Ob der Ruf nach dialektischer Betrachtungsweise ein eher formales Argument ist, etwa nach dem Muster, ohne Schwarz kein Weiss, dass muss ich selbst noch herausfinden.

Filtersouveränität

Ein zentraler Begiff sei hier noch der annähernden Vollständigkeit wegen erwähnt: die Filtersouveränität. Kurz gesagt bezeichnet das Konzept die neue Freiheit, die uns in der postprivaten, digitalen Gesellschaft entsteht: Jeder kann und soll reden, erzählen und publizieren. Ich kann auswählen, was ich hören, lesen und sehen will. Der Datenfluss wird nicht an der Quelle, sondern erst an der Mündung kanalisiert und ausgedünnt. Filtersouveränität ist gemeint als Aufmerksamkeitssteuerung der mündigen, postprivaten Gesellschaftsmitglieder. Ich bestimme, welche Daten ich zur Kenntnis nehme, was ich wie filtere oder auch ignoriere und abbestelle.

Soweit, so gut. To be continued.

Fußnoten

1 http://www.ccc.de/hackerethics, abgerufen am 23.01.2012 (zurück zum Text)
2 Ungelesen und deshalb hier nur als Literaturhinweis angeboten: Brin, David: The Transparent Society: Will Technology Force Us to Choose Between Privacy and Freedom?, Reading/Mass, 1999; Christian Heller bezieht sich u.a. auf David Brin, siehe: Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre, München (C.H.Beck) 2011, S. 111, 124 und 151 (zurück zum Text)
3 Heller, Christian: Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre, München (C.H.Beck) 2011 (zurück zum Text)
4 Vgl. dazu: http://plato.stanford.edu/entries/privacy/, abgerufen am 25.01.2012 (zurück zum Text)
5 dto. (zurück zum Text)
6 siehe: zurück zum Text)/wiki/Informationelle_Selbstbestimmung“>http://de.wikipedia.org/wiki/Informationelle_Selbstbestimmung, abgerufen am 23.01.2012 (zurück zum Text)
7 Vgl. hierzu u.a. Willke, Helmut: Systemisches Wissensmanagement, Stuttgart (Lucius und Lucius) 2001, S. 8f.: „Aus Daten werden Informationen durch Einbindung in einen ersten Kontext von Relevanzen, die für ein bestimmtes System gelten. Eine Information ist nach der klassischen Formulierung von Gregory Bateson „a difference which makes a difference“ (…), also ein bedeutsamer Unterschied. (…) Eine Information ist nur dann konstituiert, wenn ein beobachtendes System über Relevanzkriterien verfügt und einem Datum eine spezifische Relevanz zuschreibt. (…) Weiter folgt aus dieser Rekonstruktion zwingend, dass Informations/austausch/ zwischen unterschiedlichen Systemen unmöglich ist.“ Ob solche kommunikationstheoretischen Überlegungen bei der Argumentation für oder gegen Post-Privacy relevant sind, darüber muss ich noch nachdenken. Es erscheint mir jedoch auf jeden Fall erwähnenswert und belegt zunächst den sehr unscharfen Gebrauch der Begriffe Daten, Informationen und Wissen. Heller streift diesen Kontext implizit, indem er darauf hinweist, dass Wissen nicht gleich Macht bedeute: Solange sie [Daten und Wissen, M.B.] nur tot daliegen, ohne ausführende Interpretation, ohne einen Gebrauch, sind sie schuldlos.“ Heller, Christian: Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre, München (C.H.Beck) 2011, S. 98 (zurück zum Text)
8 Hinter dieser flapsige Formulierung versteckt sich meine Unwissenheit und Unentschlossenheit, angesichts der Weiterentwicklung der digitalisierten Gesellschaft. Kurz und falsch: Ist das Netz gut oder böse? Fördert es die Demokratisierung, die partizipative Kultur, die Revolution, die Konterrevolution, ist es Opium fürs Volk oder ändert sich nichts wesentliches, da wir immer schon alles hatten und nun eben von allem etwas mehr? Als guten Überblick der unterschiedlichen Positionen mit kulturellem Fokus kann ich empfehlen: Roberto Simanowski: Digitale Medien in der Erlebnisgesellschaft. Kultur – Kunst – Utopien, Rowohlt 2008, Berlin, insbesondere das Kapitel 3, Kultur der Mitgestaltung, S. 75ff. (zurück zum Text)
9 Heller, Christian: Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre, München (C.H.Beck) 2011, S. 60 (zurück zum Text)
10 ebd., S. 145 (zurück zum Text)

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