Rückblick: ArtEduCamp 2011 in Köln

ArtEduCamp an der Kölner Uni am 3.12.2011

Einladungskarte des ArtEduCamp an der Kölner Uni am 3.12.2011

Am Samstag den 3.12.2011 hatte ich das Vegnügen am ArtEduCamp der humanwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Köln teilzunehmen. Das Barcamp wurde im Rahmen des Bundeskongresses der Kunstpädagogik 2010-2012  auf die Initiative von Prof. Dr. Torsten Meyer ausgerichtet.

Ein großes Lob geht – das versteht sich fast schon von selbst – an die Organisation. Auch wenn man als Teilnehmer nicht immer sieht, wieviel Arbeit da drin steckt, so weiss ich es doch aus eigener Erfahrung. Die Örtlichkeiten waren meiner Meinung nach für ein BarCamp nicht gerade ideal, die Räume lagen verteilt über zwei Stockwerke und recht weit auseinander; zudem gab gefühlt nicht wirklich eine zentrale Anlaufstelle, die mit Atmosphäre und Lage den Austausch der Teilnehmer optimal hätte unterstützten können. Aber das kann man sich nicht immer aussuchen, und es ist gut, das überhaupt Räume für solche Veranstaltungen zur Verfügung stehen.

Ich möchte einige Notizen zu den Sessions aufschreiben; leider waren es nur zweie (abgesehen von meinem eigenen  Beitrag), da ich schon am Nachmittag den Heimweg nach Bremen antreten musste.

Session School Hacking

Die Kernfragen dieser Session, die von Annemarie Hahn und Alex Klütsch geleitet wurde, waren:

  • Was ist Cultural Hacking?
  • Kann man das mit Schule machen und wenn ja, wie.

Aus diesen Fragen spricht die latente Unzufriedenheit mit der Institution Schule und mit der Aussicht auf die Tätigkeit als Lehrer – offensichtlich eine Perspektive, die viele der Anwesenden teilten. Weiterhin scheint der Begriff des „Hacking“ faszinierend zu sein, konnotiert er doch eine Lernkultur und Arbeitspraxis, die man in traditionellen Institutionen eher selten findet. Nicht zuletzt kam mir dieser Frageansatz erfrischend naiv und spielerisch vor – ganz nach dem Motto: Klingt lecker, will ich auch mal probieren.

Die Session umfasste vier Teile:

1. Kurze Videoeinführung und Diskussion zur Idee des „Cultural Hacking“: Zu sehen war, mit welch ungewöhnlichen Methoden Amnesty International Spenden akquiriert und dass es erstaunlich leicht ist, die Wege der Menschen zu beeinflussen.

2. ‚Stillarbeit‘: Lektüre eines kurzen definitorischen Textes von Franz Liebl zur Begriffsklärung von „Cultural Hacking“; Stichworte, die dieses Konzept kennzeichnen, wurden auf eine Pinwand geheftet.

Liebl nennt u. a. die folgenden Punkte und Merkmale:

  • Hacking zielt auf die Erkundung eines Systems ab. Dabei werden ungewöhnliche Wege eingeschlagen, wie z. B. die bewußte Herbeiführung und Beobachtung von Störungen, um Charakteristik und Funktionsweise des Systems zu verstehen.
  • Hacking ist spielerischer Ernst und ernsthaftes Spiel. (Vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen aus dem technischen Bereich interpretiere ich: Das Spiel ermöglicht den kreativen Einsatz von ungewöhnlichen Methoden z. B. Umwege, Zulassen von Zufällen und Aufstellen von zunächst abwegigen Arbeitshypothesen u. ä.; der Ernst stellt neben anderem die  systematische und damit anschlussfähige Analyse und Auswertung der erworbenen Erkenntnisse sicher.
  • Hacken ist Basteln: Es werden Lösungen erprobt und umgesetzt, die in anderen Zusammenhängen als unprofessionell verworfen würden. Liebl nennt den Begriff der Bricolage, den der Anthropologe Levi-Strauss eingeführt hat, um eine Eigenschaft des „wilden“ im Gegensatz zum „zivilisierten Denken“ zu beschreiben. Der Bastler kommt mit dem aus, was er hat;mehr noch, er versteht es als methodischen Basis, scheinbar ungeeignete Mittel und Methoden umzubiegen und einem neuen, nicht vorgesehenen, vergessenen oder nicht offensichtlichen Zweck zuzueignen.
  • Hacken führt – nicht immer, aber oftmals – zu Ursprungsidee einer Sache oder Idee zurück. Man könnte vor diesem Hintergrund auch formulieren: Hacken ist eine Strategie gegen die Entfremdung.
  • Hacken ist infektiös (verbildlicht durch das Konzept des Virus): Es nutzt technische und kommunikative Netzwerkstrukturen und sich zu fortzupflanzen und eine Breitenwirkung zu erzielen.

2. Teil: Gruppenarbeit mit der Fragestellung: Wie sieht das System Schule aus?

Die Moderatoren wollten auf der Grundlage dieser Materialsammlung die Folgefrage des 3. Teils behandeln. Die Ergebnisse dieses Brainstormings litten ein wenig darunter, dass hier – wie ich meine – kategorial unterschiedliche Ebenen miteinander vermischt wurden. Beispielsweise standen Komponenten wir „Schüler“ und „Lehrer“ neben abstrakten Konzepten wie „Zukunft“, ohne das ein einheitliches Modell zur Integration dieser unterschiedlichen Kategorien bei der Hand gewesen wäre. Auch die eingebrachten systemtheoretischen Begrifflichkeiten halfen da nicht weiter. Natürlich darf man von einem Brainstormings in diesem Rahmen keine theoretische Präzision erwarten; dennoch bot es genügend Ansatzpunkte für die nachfolgende lebhafte Diskussion.

3. Teil: Diskussion

An welcher Stelle bietet sich das School-Hacking an? Wo kann man ansetzen?

Eine lose Liste von Gedanken, an die ich mich erinnere, die ich hatte, oder die sich für mich im Nachhinein ergeben (kein Diskussionsprotokoll):

  • Wesentliche Frage: Was soll überhaupt geändert werden? Oder anders: Welche Werte werden der Forderung nach Intervention zugrunde gelegt? Wo soll das Hacking hinführen?
  • Wie genau kann man den Unterschied zwischen „Veränderung“ gegenüber „Hack“ beschreiben? Zuweilen schien mir dieser Unterschied in der Diskussion verloren zu gehen.
  • Ist Hacken von innen möglich? Kann man als Lehrer Schule im intendierten Umfang verändern? Wird man als Lehrer primär nicht genau dazu ausgebildet, das System zu stützen und fortzuschreiben?
  • Mehr Kunstunterricht in die Schule oder besser: Grundsätzlich mehr Kunst in den Unterricht. Wären Künstler die richtigen Hacker?
  • Sind nicht die Stellen ein geeigneter Ansatzpunkt für subversive Strategien, wo die Schule unter Notstand leidet? Wenn also allenthalben der Ausfall von Stunden beklagt wird, und ‚Hilfskräfte‘ (Mathematiker im zweiten Semester) im regulären Unterricht aushelfen, sind dann dies nicht die Öffnungen, an denen neue Konzepte in die Schule eingebracht werden könnten?
  • Inwiefern ist Kritik und Intervention von innen Teil der bestehenden Schulkultur?
  • Google stellte (oder stellt) einem Teil seiner Mitarbeiter einen gewissen Prozent der Arbeitszeit als Spielweise zur Verfügung. Das Unternehmen reserviert für seine Mitarbeiter damit explizit kreative Zeitressourcen, die in der reinen Produktivarbeitszeit nicht zur Verfügung stehen. Ist so etwas an einer deutschen Schule vorstellbar? Etwa: 10% der Unterrichtszeit kann der Lehrer zusammen mit den Schülern experimentieren, um herauszufinden, welche Formen der Lehre derzeit nicht praktiziert werden, aber durchaus sinnvoll wären. (Wenn ja: würde ein solches Modell von Schülern, Lehrern und Eltern unterstützt? Könnte es etwas bringen?)

Mein Fazit: Ich bin mir nicht sicher, warum es gerade das Konzept des „Cultural Hacking“ war, welches mit Hinblick auf eine gewünschte Veränderung der Lern- und Lehrkultur herangezogen wurde. Was mir zunächst fehlte, das war eine zumindest rudimentäre Bestandsaufnahme der beklagten Mängel. Dann ließe sich besser einschätzen, ob die Probleme in der Schule einer derartigen Natur sind, dass herkömmliche (und verfügbare) Interventionstechniken einfach nicht mehr ausreichen und in welcher Art und Weise das „Hacking“ mehr Aussicht auf Erfolg bietet.

Es mag aber wohl auch sein, dass „Hacking“ eine Arbeits- oder sogar Lebenseinstellung beschreibt, die insgesamt quer zur den bestehenden Arbeitspraxis in vielen gesellschaftlichen Bereichen steht und also ein utopisches Versprechen in sich trägt. Es geht also nicht um den Einsatz oder Austausch der ein oder anderen Veränderungstechnik (z. B. mit Hinblick auf Schulreformen), sondern um einen Paradigmenwechsel: weniger entfremdet, stärker beteiligt, experimentierfreudiger, spielerischer und letztlich orientiert auf einen Wertekanon, der nicht direkt und indirekt nahezu vollständig durch die wirtschaftliche Verwertungslogik bestimmt ist.

Session User Art

In dieser Session versuchten wir uns dem Begriff „User Art“ anzunähern. Die Moderatorinnen Isabelle Linscheid und Anika Gail stellen einige Kunstprojekte aus der von Peter Weibl kuratierten Ausstellung „You_ser 2.0“ im ZKM, Karlsruhe vor.

Ein interaktives Kunstwerk, welches in der nachfolgenden Diskussion des öfteren als Beispiel diente: die Installation ACCESS von Marie Sester (Ars Electronica 2003, Linz): Ein unter dem Dach der Ausstellungsräume befindlicher Punktscheinwerfer kann von Websitebesuchern der Ars Electronica per Fernsteuerung so ausgerichtet werden, dass er Besucher der Ausstellung vor Ort ‚verfolgt‘. Diese wissen nicht, dass die Steuerung durch ‚User‘ vor den Bildschirmen ausgelöst wird. In einem Video sind unterschiedlichen Reaktionen der ‚Verfolgten‘ gut sichtbar: die einen treiben ihr Spiel mit dem Lichtkegel, andere versuchen dem Strahl zu entkommen und wieder andere scheinen über den Lichtschatten verwirrt zu sein.

Die Session-Teilnehmer sammelten die folgenden charakteristischen Merkmale, um den Begriff User Art näher zu bestimmen:

  • typisch ist eine irgendwie geartete Interaktion mit oder Teilhabe am Kunstwerk, die über die ‚traditionelle‘ Rezeption hinausgeht; dies kann bewußt oder unbewusst sein; so spielen z. B. viele Projekte mit Überwachungstechnolologie, ohne den Ausstellungsbesucher im Vorfeld darüber zu informieren (beispielsweise werden mitgelauschte Gespräche in Schriftbilder überführt und via Digitalanzeige präsentiert)
  • die Verbindung zur modernen Digitaltechnik und – in vielen Fällen – auch die Realisation mit Hilfe des Internet (Vernetzung, Kommunikation, Feedback, Auflösung von Raum und Zeit, wenn beispielsweise das Werk oder Teile davon per Internet von überall und jederzeit zugänglich sind)
  • die technische Dokumentation, das Aufzeichnen, das Logging (viele Werke zeichnen die Interaktion von Nutzer und Werk auf, entweder, weil es etwa beim Einsatz von Überwachungstechnologie konstitutiv zum Werk gehört oder beispielsweise, damit der Nutzer im Nachgang über das Netz seine Interaktion mit dem Werk erneut bzw. von außen besehen rezipieren kann.)
  • ein Moment des flüchtigen, ephemeren (was wiederum die Aufzeichnung bzw. Transformation einer Aufführung, einer Erfahrung etc. notwendig macht, wenn nicht eben die Vergänglichkeit und nur temporäre Verfügbarkeit Thema des Werkes sein sollte; oftmals trägt die Aufzeichnung auch dazu bei, dass das Werk überhaupt erst wirtschaftlich verwertet werden kann)

Ich möchte auch hier wieder in Listenform die Punkte der weiteren Diskussion nennen, die mir Gedächtnis haften geblieben sind:

  • Der Begriff User Art erscheint fast eher als Marketing-Jargon des Kunstbetriebs, denn als stichhaltige kunstwissenschaftliche Kategorie; die Session-Teilnehmer waren sich einig, dass der Begriff auch den Gedanken an wirtschaftliche Zusammenhänge konnotiert (ganz ähnlich wie etwa die Begriffe Konsument, Produzent und deren Kompositum: Prosument)
  • Spätestens seit den 60er Jahren beginnen sich Konzepte wie z. B. das „offene Kunstwerk“ oder der „implizite Leser“ durchzusetzen, die im Kern eines sagen: Ein Kunstwerk wird wesentlich durch den Rezipienten konstitutiert. Ein Text erhält sein Bedeutung nicht primär durch den Autor, sondern durch das Verstehen des Lesers (Sinnerzeugung). Ähnlich verhält es sich mit bildender Kunst und anderen Kunstformen. Vor diesem Hintergrund ist die aktive und mehr noch: die konstitutive Rolle des Rezipienten nichts Neues, und also auch nicht „die Partizipation des Users“.
  • Im Gegenteil: Angesichts des spärlichen Interaktionsumfangs der genannten Installation ACCESS (Steuern eines Lichtskegels) erscheint eine sinnstiftende Romanlektüre als unvergleichlich umfangreichere und komplexere Konstitutionsleistung des Kunstwahrnehmenden. Oder kürzer: Was in der „User Art“ als Partizipation-(smöglichkeit) verkauft wird, kann man im Vergleich zu ‚traditionellen‘ Rezeptionsleistungen als rudimentär bezeichnen. Hypothese: Insofern könnte es sein, dass der vermeintliche Fortschritt des an der Konstitution des beteiligten Nutzers de facto ein Rückschritt ist: jedes Computerspiel erlaubt mehr Interaktion als so manches Werk der „User Art“.
  • Natürlich kann es zum ästhetischen Konzept eines Werkes gehören, dass der vermeintlich aktive und emanzipierte Zuschauer-Mitkünstler in Wirklichkeit mit kleinen Spielereien verführt und in die eigentlich klägliche Rolle eines ‚Pixelschupsers‘ gebracht wird.
  • In der weiter oben angesprochenen Rezeptionsästhetik wird der Kunstgenießer zum impliziten Leser, aktiven Zuhörer oder konstruktiven Betrachter; in der Perfomance-Kunst wird der einstmals unbeteiligte Teilnehmer zum Akteur; in der Netzkunst wird der (technische zumindest minimal versierte) Konsument zum User; es erschien den Session-Teilnehmern, dass je nach Kunst- bzw. Medienform einer neuer Begriff (natürlich mit neuen Implikationen) für die aktive, beteiligte Variante des Betrachters/Lesers/Teilnehmers kreiert wird
  • Was ist das Gegenstück zum User bzw. zur User Art? Die Producer Art? Die Artist Art? Könnte die erfolgreiche oder eben erfolglose Suche nach einem passenden Gegenstück vielleicht bei der Begriffsbestimmung helfen?

Soweit meine bruchstückhaften Notizen zu zwei Sessions auf dem ArtEduCamp.

Mein Fazit: Insgesamt interessante Sessions, engagierte Teilnehmer, hohes Diskussionsniveau. Ich werde also wiederkommen.

Kategorie: Allgemein, Bildung, Kunst 2 Kommentare »

2 Reaktionen zu “Rückblick: ArtEduCamp 2011 in Köln”

  1. fk

    #nice article.

    habe mir eben mal das video angesehen welches verdeutlichen soll „dass es erstaunlich leicht ist, die Wege der Menschen zu beeinflussen.“
    nun lassen wir mal die analyse beiseite. irgendwie stimmt es wohl auch. gleichwohl ich auch zu denen gehöre würde, die sich da durch zwängen, ganz einfach weil ich denken würde, irgendjemand wird sich wohl was dabei gedacht haben.

    beindruckender finde ich, dass sich in den kommentaren so originelle sätze wie „how cold, hurry and indifferent are people…“ oder „We are lemmings“ finden.
    nicht einer schreibt wie schön dass doch eigentlich ist, dass das keiner kaputt macht und alle leute trotz der nervigen intervention behutsam mit diesen pöllern umgehen.
    im gegenteil, alle bleiben höflich und gelassen.

    hgfk

  2. Martin

    Hallo F.,

    klassisches Reframing von deiner Seite. Wenn man die von Dir eröffnete Perspektive übernimmt, ist es erstaunlich und erfreulich, wie behutsam und tolerant Menschen auf diese Einschränkung reagieren, mit der sich ein Einzelner in der Öffentlichkeit Gehör verschafft. Man könnte auch sagen, dass es sich hier gar nicht um Hacking, sondern um ‚User Art‘ handelt. Allerdings bezweifle ich, dass die Fußgänger aka Rezipienten den Kontext so verstanden haben.

    Von außen besehen („don’t tell your eyes, let your eyes tell you“) und ohne Schere im Kopf („dies ist ein Beispiel für Hacking!“) gebe ich Dir aber vollkommen Recht.