Kreativität und Aneignung

Rückblick Transit 4

Ehemalige Schleichwege auf den Uniwiesen in Köln, http://maps.google.com/maps?q=universit%C3%A4t+k%C3%B6ln&hl=de&ie=UTF8&ll=50.930295,6.929047&spn= 0.001207,0.002229&sll=41.549196,-72.427301&sspn=2.935169,4.564819&vpsrc=6&hq=universit%C3%A4t+k%C3%B6ln&t=h&z=19, abgerufen am 25.10.2011

Der Trampelpfad als Metapher für die Aneignung

Am 22.10.2011 hatte ich die Möglichkeit auf dem Symposium Transit4 im Fachbereich “Design” der Fachhochschule Augsburg einen Vortrag mit dem Titel “Kreativität und Aneignung – Vom Eigensinn in einer kolonialisierten Welt” zu halten.

Der Vortrag leitet ein mit dem Konzept des symbolischen Kannibalismus als Form einer emanzipatorischen Kulturkritik, wie sie vom brasilianischen Modernismus im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts formuliert wurde. Ursprünglich zur Gegenwehr gegen den Kolonialismus entstanden, möchte ich diese Idee zur Beschreibung einer emanzipierten Konsumentenkultur fruchtbar machen.

Der zweite Teil des Vortrags beschreibt die Art und das Ausmaß der Aneignungstendenzen, denen wir [1] ausgesetzt sind: Im Rückgriff auf Naomi Klein und Michel Serres habe ich skizziert, wie sich eine durchkommerzialisierte Kultur persönliche und gesellschaftliche Freiräume des Denkens und Handelns aneignet.

Der dritte Teil schließlich versammelt Beispiele, die belegen sollen, wie vielseitig und inspirierend, direkt und implizit gegen die herrschenden Verhältnisse protestiert wird und werden kann [2]. Oder etwas vorsichtiger ausgedrückt: Wie sich eine alternative Kultur Raum schafft, und damit Modelle liefert, wie ein Leben jenseits eines vornehmlich kommerziellen Verwertungszusammenhangs aussehen kann.

Im folgenden führe ich grundlegende Gedanken des Vortags aus. Im Anschluss folgen Anmerkungen zu einigen Folien, die – soweit Bildrechte vorhanden sind – zum Download zur Verfügung stehen.

Die kolonialisierte Welt (Folie 19-36)

Unsere moderne Lebenswelt ist mit einem Netz von konkreten und symbolischen Akten der Aneignung überzogen. An der Oberfläche erscheint diese Okupation in einer Form, die ich mit dem Begriff der “Gebrauchsanweisung” beschreibe. Die Gebrauchsanweisung ist zunächst ein harmloses, unverdächtiges und vielfach auch nützliches Konstrukt. Wir kennen sie zum Beispiel als Anleitung zur Verwendung von technischen Produkten. Sie erklärt uns, was genau wir tun müssen, um den Zweck des Gerätes auszuschöpfen, damit wir das gewünschte Ziel zu erreichen; zudem hilft die Gebrauchsanweisung dabei, das Gerät nicht ‘durch unsachgemäßte Verwendung’ in seiner Funktion zu beeinträchtigen oder gar zu zerstören.

Gebrauchsanweisungen müssen natürlich nicht schriftlich niedergelegt sein. Als gut designtes Produkt wird jenes empfunden, welches sich intuitiv, also ohne ausdrückliche Anleitung verwenden läßt. Als leuchtende Beispiele hierfür gelten etwa die Produkte von Apple.

Allgemeiner gefasst kommt die Gebrauchsanweisung als Vorgabe, Paradigma oder Interpretationsanweisung daher: sie favorisiert implizit oder offen bestimmte Konzepte und Zwecke und bezeichnet andere – auch wieder direkt oder indirekt – als nicht sinnvoll, falsch oder auch nicht erlaubt. In einer solch weiten Intepretation des Konzepts der Gebrauchsanweisung wird es möglich, ganz unterschiedliche Konstrukte als solche zu verstehen:

  • ein geschriebenes oder ungeschriebenes Gesetz (“Kopierschutz umgehen verboten”)
  • eine Vorschrift (“Gerät nicht aufschrauben!”)
  • eine aufgestellte Regel (“Systemrelevante Banken darf man nicht bankrott gehen lassen.”)
  • ein Expertenurteil (“Da muss ein neues Hüftgelenk rein.”)
  • ein Verdikt (“Lass das sein, dafür fehlt dir die Begabung!”)
  • und auch Werbung (“Jetzt vorsorgen!”)

Die Strategie der von mir im dritten Teil des Vortrags vorgestellten Beispiele, die ausserhalb vorgegebener Kontexte agieren, setzt hier an: ‘Mitgelieferte’ Gebrauchsanweisungen werden ignoriert und den Gegenständen, Produkten, Orte oder Ideen wird ein neuer Sinn gegeben. Kreativität erscheint in der Form eines Regelbruchs, der Ignoranz und offenen Abkehr gegenüber dominanten Vorstellungen, als Rekombination von bisher nicht in Zusammenhang gebrachtem und als Suche nach neuen Verwendungsformen und Zweckbestimmungen. Diesen Prozess, in dem die Frage im Vorgrund steht: Wie muss das Ding gebaut sein oder verwendet werden, damit es für mich einen Sinn macht, diesen immer wieder neu in Gang gesetzten Prozess bezeichne ich als Aneignung, oder genauer: als Wiederaneignung.

In einer Welt voller vorkonfigurierter Produkte, seien es Konsumgegenstände des alltäglichen Gebrauchs, technische Geräte, Medieninhalte sowie der Ideen und Konzepte, die sie begleiten, steht am Anfangspunkt der Wiederaneignung “das Missverhältnis zwischen dem, was wir wirklich brauchen und dem was für uns produziert und festgeschrieben wird.” [3] Dort wo wiederangeeignet wird, erscheint ein Bedarf, ein Wunsch, ein Begehren nach einem konkreten oder ideellen Raum, in dem die Entfaltung gemäß eigener Vorstellungen, Werte und Überzeugungen möglich ist. Die Wiederaneignung enthält utopisches Potential, weil sie fragt, wie denn die Welt sein könnte. Sie hat aber auch und zuvorderst eine entschieden pragmatische Komponente, die sich in der Formel ‘wir fangen schon mal an’ realisiert.

So eignet sich der Traceur den öffentlichen Raum an, der nach bestimmten Regeln und Vorschriften genutzt werden soll. Die Streetart thematisiert ganz unabhängig vom einzelnen Motiv ähnliches mit grafischen Mitteln. Open Source Software verteidigt die Idee der Freiheit auf technologischer Ebene und das Konzept der “reverse surveillance” kritisiert und konterkariert Strategien, unsere Bewegungen, Aufenthaltsorte und Reisen aufzuzeichnen und auswertbar zu machen – sich also unserer zu bemächtigen. Im Konzept des brasilianischen “Gambiarra” schließlich wird die Gebrauchsanweisung gleichsam prinzipiell missachtet: Hier entfaltet sich das kreativer Erfinderpotential zunächst aus der alltäglichen Not, verweist jedoch auf einen größeren Zusammenhang, nämlich der Kritik daran, dass die Dinge nicht das sind, was sie scheinen, dass es auch anders sein könnte und kann.

Nachfolgend einige bruchstückhafte Notizen zu den Beispielen in der Reihenfolge der Vortragsfolien (Download). Leider kann ich die Folien nicht vollständig, also bebildert, zur Verfügung stellen. Für die meisten fehlen mir die Bildrechte zur Veröffentlichung. Auf jeder Folie findet sich jedoch eine Link, der direkt auf die Folienabbildung im Netz verweist. Im Anhang habe ich sämtliche Quellen noch einmal im Detail aufgeführt.

Wiederaneignung des öffentlichen Raumes

Schleichwege und Trampelpfade (Folie 39) deuten darauf hin, dass es einen Bedarf gibt, der vom öffentlichen Wegesystem nicht bedient wird. Tiere und Menschen suchen sich ihre eigenen Wege – wenn man sie lässt. Dabei gilt:

Wegenetze sind Nichtgleichgewichtsstrukturen, die zu ihrem Erhalt einer ständigen Energiezufuhr bedürfen. Dies geschieht, in dem die Wege benutzt und damit ständig erneuert werden. Wege, die nicht mehr benutzt werden, verschwinden mit der Zeit wieder. Der Weg kann als eine Folge von Markierungen beschrieben werden, die den Weg von seiner Umgebung unterscheiden.“ [4]

Das bedeutet auf der anderen Seite: Die wiederholte Bestätigung eines solchen Schleichweges kann dazu führen, dass er offiziell befestigt wird: “Mit jedem Hack, so die Erkenntnis, verschwindet die Möglichkeit zu hacken; das Schicksal des Hacks ist, als Standardapplikation zu enden.”[5]

Der Schleichweg stellt eine geeignete Metapher für die folgenden Beispiele von Aneignung dar: Einerseits müssen fortlaufend neue Wege gesucht und begangen werden, um das Netz möglicher Alternativen und Verknüpfungen neben dem Mainstream zu pflegen; andererseits wird jeder Trampelpfad, jede Alternative und jede Subversion wiederum zur Beute kommerzieller Aneignungsstrategien, sobald es sich wirtschaftlich rechnet.

Zu Le Parkour (Folie 40) habe ich an anderer Stelle einen Text geschrieben.

Alexandre Orion (Folie 41), brasilianischer Streetartist und Fotograf, malt Totenköpfe in die Schicht aus Dreck und Abgasen der Wände des Ossario-Tunnels in Sao Paolo. Die Aktion ist so vordergründig wie subtil: Die Schädel als Zeichen des Todes enstehen durch die partielle Säuberung; diese macht auf einer anderen Ebene das eigentliche Sujet erst sichtbar: Den permanenten, unsichtbaren Ausstoß von Abgasen. Es ist bislang noch unklar, ob es sich bei ‘reverse graffiti’ um Sachbeschädigung handelt oder nicht [6]. Die brasilianischen Ordnungskräfte jedenfalls nahmen Orions Aktion zum Anlass, die Tunnelwände endlich einmal wieder zu reinigen.

Urban Gardening (Folie 42-43)

Der Filmemacher Marco Clausen und der Historiker Robert Shaw begannen 2009 damit, eine 6.000 qm große Brachfläche in Berlin Kreuzberg zu bewirtschaften. Natürlich taten sie dies nicht allein, sondern bekamen schnell Hilfe von Bewohnern des Kiezes. Das unter dem Namen “Prinzessinnengarten” bekannte Grünterrain ist ein Vorzeigeprojekt des “Urban Gardening”, eine Bewegung, die den Garten und mit diesem vor allem Nutzpfanzen und ihre Bewirtschaftung in die Stadt bringt. Der Garten wird der Stadt nicht als Fluchtort gegenübergestellt, sondern als integrales Element einer nachhaltigen, sozialen und engagierten Stadtkultur. In Berlin kann sich jeder an der Gestaltung der Grünfläche beteiligen, es gibt keinen Masterplan der Oganisatoren, sondern viele Einzelinitiativen der Nachbarn, die zusammenwirken. Zum Aufbau und zur Möblierung des Gartens werden Materialien und Utensilien wiederverwertet, die aus den umliegenden Stadtgebieten kommen. Pflanzen werden in transportablen Behältnissen aufgezogen, deren Nutzen darin liegt, dass die komplette Gartenanlage innerhhalb kürzester Zeit umgesiedelt werden kann, um neue Brachflächen temporär zu begrünen. Urban Gardening ist auch eine konkrete Antwort auf die globale Ernährungskrise, eine Antwort auf den Irrsinn, der darin liegt, Obst und Gemüse um die halbe Welt auf unsere Teller zu karren. Die Soziologien Christa Müller fast das utopische Potential des urbanen Gärtnerns in Frageform wie folgt zusammen:

Repräsentiert der Garten womöglich das Modell einer besseren Gesellschaft? Werden die in ihm gelebten bzw. von ihm favorisierten Tugenden wie Kooperation, Gelassenheit, handwerkliches Können, Lebendigkeit, Empathie und Großzügigkeit, aber auch die Kunst des “einfachen Lebens”, das Arrangement mit dem, was vorhanden ist, richtungweisend für die vor uns stehenden Transformationsprozesse? [7]

User Generated Content (Folie 45-46)

Längst nicht alle Initiativen und Aktivitäten der Wiederaneignung, die ich hier aufführe, sind von explizit politisch, revoltierend oder subversiv motiviert. Die Beispiele für User Generated Content im Zusammenhang mit dem Kinofilm “Be Kind Rewind” (auf Deutsch: “Abgedreht”) gehen ursprünglich auf die Marketingkampagne der produzierenden Filmgesellschaft zurück. Die Kampagne ermutigte die Filmfans dazu mehr oder weniger laienhafte Miniatur-Remakes, sogenannte ‘sweded versions’, von bekannten Hollywoodfilmen zu drehen, und diese auf Youtube zu veröffentlichen.

Entscheidend ist hierbei für mich, dass hier nicht lediglich konsumiert wird, sondern produziert; dass es im Unklaren bleibt, ob die mehr oder weniger geglückten Tashfilmchen unbeholfene aber begeisterte Nacherzählungen oder ironische Verhonepipelungen der professionellen Originale sind; dass sich hier Hobbyfilmer mit einfachsten Mitteln und offensichtlichem Spass respektlos und lustvoll an den Hochglanzprodukten der Filmindustrie vergehen.

Die Wikipedia erwähnt, dass “die Bezeichnung des ‘schwedens’ von Filmen (…) gewählt (wurde), da Schweden im Gegensatz zu diversen anderen Ländern den Standpunkt vertritt, dass die über das Internet verbreiteten privat nachgedrehten Filme keine Urheberrechtsverstöße darstellen, sondern eine Form der freien Meinungsäußeren seien und ihre Verbreitung daher straffrei erfolgen dar.”[8]

Gambiarra und verwandte Artefakte (Folie 48-60)

Der Begriff “Gambiarra” ist tief in der brasilianischen Lebenskultur verwurzelt. Übersetzt bedeutet der Begriff, ‘dass man etwas irgendwie hinbiegt’ und so eine improvisierte Lösung findet. Typische Gambiarras erscheinen in der Form von ‘Adhoc-Reparaturen’ von Alltagsgegenständen, elektrischen Geräten oder Fahrzeugen, die dem deutschen TÜV Alpträume bescheren würden, und oftmals auch mehr oder weniger ungesetzlich sind. Ein Beispiel sind die sogenannten ‘Cats’, angezapfte Stromleitungen, bei denen ein irregulärer Anschluss unbezahlte Energie für den eigenen Gebrauch abzweigt.

Die Gambiarra-Kultur ist erfindungsreich, denkt unkonventionell und hat eine Vorliebe für das Prekäre und Improvisierte, mithin für die Spannung zwischen der zusammengebastelten kurzlebigen Lösung und dem langlebigen Provisorium. Sie ist weiterhin nachhaltig, insofern Ressourcen verwendet werden, die unmittelbar greifbar sind. Restmaterialien und oder ursprünglich für andere Zwecke produzierte Gegenstände werden in neuem Kontext wiederbelebt.[9]

Appropriation Art (Folie 62-65)

Die Appropriation Art[10], also die Kunstrichtung, die den Akt der Aneignung ins Zentrum stellt, lebt von der offensiven Auseinandersetzung mit künstlerischen Vorgängern, vom Kopieren und Transformieren bestehender Kunstwerke und anderere kultureller Artekfakte; sie provoziert damit oftmals die Konfrontation mit Copyright, Urheberrecht, Markenrecht und ähnlichen Regulierungen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang das Ende der neunziger Jahre realisierte Projekt “Food Chain Barbie”[11] des Fotografen Tom Forsythe etwas näher betrachten. Forsythe inszenierte Barbiepuppen in ungewöhnlichen Settings und Positonen und verlieh damit einer lustvoll-sadistischen Fantasie fotografischen Ausdruck. Für Mattel, den Hersteller des Spielzeugs, sah das anders aus, denn auch Barbie wird mit einer bestimmten ‘Gebrauchsanweisung’ ausgeliefert, die regelt, in welchem Raum das Spiel mit der infantilen Ikone konfektionierter Weiblichkeit stattfinden darf. Sicherlich darf man Barbie auch fotografieren, aber nicht beispielsweise nackt und aufgespießt wie ein Grillhänchen; oder auseinander gepflückt in einem Sektkühler, versammelt mit anderen zerlegten Kolleginnen. Natürlich hatte Mattel bis zum Zeitpunkt der Interpretation von Tom Forsythe nicht damit gerechnet, dass man die Gliederpuppe in derartiger Weise gebraucht und damit den ihr vom Hersteller zugewiesenen ideellen Gehalt karikiert und entstellt. Doch – wie die wissenschaftliche Forschung belegt – scheint das durchaus im Sinn der jugendlichen Konsumenten, oder besser: Prosumenten, zu sein. Die Times Online zitiert eine akademische Studie dazu:

“BARBIE, that plastic icon of girlhood fantasy play, is routinely tortured by children, research has found. The methods of mutilation are varied and creative, ranging from scalping to decapitation, burning, breaking and even microwaving, according to academics from the University of Bath.”

Der Artikel schießt damit, dass

“while adults may find a child’s delight in breaking, mutilating and torturing their dolls to be disturbing, from the child’s point of view they were simply being imaginative in disposing of an excessive commodity, in the same way as one might crush cans for recycling.”[12]

Sampling (Folie 66)

Im Jahre 2004 veröffentlichte der DJ Danger Mouse den Mash-Up “The Grey Album”; er kombinierte dazu das “Weisse Album” der Beatles mit dem “Black Album” des Rappers und Produzenten Jay-Z, welches in einer A-Capella-Version unter der programmatischen Bezeichnung “Jay-Z Construction Set” frei für Remixe zur Verfügung stand. Danger Mouse veröffentlichte eine Auflage von 3.000 Kopien über ausgewählte Plattenläden – ohne Gewinnabsicht. Das Album wurde enthusiastisch aufgenommen; allerdings nicht von EMI, den Rechteinhabern der Beatles-Songs. EMI schickt eine Unterlassungaufforderung und verlangte den Verzicht auf einen weiteren Vertrieb des grauen Albums.

Da war es allerdings schon zu spät. Das epochale Remix-Projekt hatte bereits eine größere Öffentlichkeit erreicht und wurde von verschiedenen Zeitschriften und Medien begeistert aufgenommen (z. B. “New Yorker”, “Entertainment Weekly”, “Rolling Stone” und “Boston Globe”). Als Reaktion auf die Sanktionen von EMI organisierte sich im Netz der “Grey Tuesday” am 24. Februar 2004, ein Tag der “coordinated electronic civil disobedience” an dem das Album auf hunderten von Sites nicht authorisiert zum Download bereitstand. In diesem Zusammenhang wurde gefordert, dass Samplen nach Kriterien der Fair Use-Doktrin zu behandeln, welche unter bestimmten Umsänden eine Verwendung von urheberrechtlich geschütztem Material unabhängig von der Einstimmung des Urhebers erlaubt.

Daten, Dienste, Kommunikation (Folien 67-73)

Am 2. Februar 2010 hielt Eben Moglen, Professor für Recht und Rechtsgeschichte an der Columbia Law School und Syndikus der Free Software Foundation, einen Vortrag, der einige junge Entwickler vom Courant Institute der New York University dazu motivierte die Social Network-Software Diaspora als Gegenentwurf zu Facebook programmieren.

Moglen spricht darüber, wie aktuelle Webdienste, allen voran Facebook, Google, Flickr und Co, Daten ihrer Kunden sammeln, akkumulieren und für Ihre kommerziellen Zwecke auswerten. Die Gleichung, die Moglen aufstellt, ist einfach: Wir nutzen freiwillig kostenfreie E-Mail-Dienste, legen unsere Fotos ab, verwalten unseren Kalender und kommunizieren mit unseren Freunden – die Unternehmen spionieren im Gegenzug die dabei anfallenden Informationen aus und sammeln Wissen über uns, unserer Aussehen, unsere Gewohnheiten, Einkäufe, Freunde und alles andere, was sich in verwerten und verkaufen lässt.

Die historisch-technische Grundlage für diese bedenkliche Situation ist nach Moglen eine Fehlentwicklung im Softwarebereich, mit einem Wort: Microsoft. Ursprünglich war das Internet einen Zusammenschluss von Servern, die Daten miteinander austauschten. Dies war eine technische Entscheidung mit einer politischen Implikation: Jeder einzelne Knoten hatte die Hoheit über die Daten, die er austauschen wollte. Jeder einzelne Knoten führte auch ein Logbuch über die eigenen Systemaktivitäten (logfiles), um die Funktionalität und Performanz der Rechner sicherzustellen. Heraus kam das, was man Peer-to-Peer-Netzwerk nennt, und welches auf gesellschaftlich-politischer Ebene ein Zusammenschluss an gleichberechtigten und souveränen Partnern darstellt. Es gibt und gab keine technische Notwendigkeit einer hierachischen Struktur. Bei der technischen Implementierung der Netzwerkfunktionalität in Windows durch den Hersteller Microsoft – also auf der Ebene des Betriebssystems – wandelte sich dieses Modell in ein hierachisches: eine Server/Client-Achitektur. Was also früher ein Server war, nämlich der von menschlichen Netzwerkteilnehmern genutzte Rechner am Ende der Kommunikationskette, wurde nun zum Client, zum Kunden, zum Abnehmer.

In der Server/Client-Architektur wird die Verwendung und der Nutzen der Daten für den einzelnen Netzwerkteilnehmer intransparent, komplex und liegt ausserhalb seines Einflussvermögens. Natürlich gibt es Dienste, die auch technisch gesehen zentralisiert bereitgestellt werden müssen – wie z. B. Suchfunktionen. Dennoch gibt es keinen technischen Grund für die zentralisierte Vorhaltung aller Daten; deren Aggregation und automatischen Analyse und Bewertung erzeugt ein massives Informationsungleichgewicht. Moglen resümiert:

So we built a network out of a communications architecture designed for peering, which we defined in client server style, which we then defined to be the dis-empowered client at the edge and the server in the middle. We aggregated processing and storage increasingly in the middle and we kept the logs – that is information about the flows of information in the net – in centralized places far from the human beings who controlled or at any rate thought they controlled the operation of the computers that increasingly dominated their lives. This was a recipe for disaster.” [13]

Was Moglen letztlich beschreibt ist eine neue Form der Gegenaufklärung, die über die technische Ebene ‘implementiert’ wird: freie E-Mail-Dienste und ein paar andere PHP-Spielereien auf Facebook im Tausch gegen alles, was unser Leben im Netz ausmacht. Die Privatsphäre ist nicht etwa deshalb bedroht ist, weil Dritte unsere geheimsten Wünsche oder intimen Geheimnisse kennen. Einscheidend sind unsere ‘Datenschuppen’, also das, was wir tagtäglich und mehr oder weniger unbewusst an Informationen über uns absondern und darüber hinaus die Zwischenräumen dieser Teilinformationen, die durch zentralisierte Rechenkraft und mächtige Algorithmen peu à peu geschlossen und so zu einer virtuellen Persönlichkeit verrechnet werden.[14]

Der Ausgang der Netzbewohner aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit gründet nach Moglen, im Einsatz freier Software, eben solcher, die die Idee der Freiheit zum Prinzip macht. Es geht darum, das technologische Ungleichgewicht aufzuheben oder positiv formuliert: Es geht um technologische Selbständigkeit. Alle im Vortag genannten Beispiele (Folien 68-73) teilen diese Idee in mehr oder weniger großem Ausmaß, sei es in der Technik der “reverse surveillance”, bei der die Beobachter beobachtet werden, in der Arbeit des Graffiti Reseach Lab, welches Open Source Technologien für die urbane Kommunikation entwickelt, dokumentiert und verteilt werden oder in der Nutzung von Twitter als Informationskanal gegenüber staatlicher Kontrollhoheit[15].

Fußnoten

[1] Natürlich stellt sich hier sofort die Frage, wer denn mit “wir” (und damit auch “die”, also die anderen Seite von “wir”) gemeint ist. In der kritischen Theorie würde mit “wir” in diesem Fall die Masse gemeint sein. Auf der anderen Seite steht die “Kulturindustrie”. Im anglo-amerikanischen Medientheorie ist die Rede von “the people” gegenüber dem “power bloc”. Meine vorläufige Vorstellung von “wir” speist sich aus unterschiedlichen Diskursen und Lektüreresten: 1. alle, die bislang keine Produktionsmittel in der Hand hielten und also dem Markt ihre Arbeitskraft verkaufen müssen 2. alle die, die sich zum überwiegenden Teil als Rezipienten (oder Konsumenten) einer (Waren-)Kultur und weniger als Produzenten oder Verwerter (im kommerziellen Sinn) begreifen können und wollen 3. Hartz IV-Empfänger, Niedriglohn-Angestellte, Angestellte in prekären Arbeitsverhältnissen und andere, die – nach gängigen Kriterien – als gesellschaftlich benachteiligt gelten können. Früher konnte man das mit dem Begriff “Proletariat” zusammenfassen; heute heißt es auch “Prekariat”. 4. Die, die sich zu den 99% Prozent [http://wearethe99percent.tumblr.com/] zählen. Ich bin mir bewußt darüber, wie vorläufig, streitbar und unpräzise diese Definition ist und freue mich über Ergänzungen, Korrekturen und Kritik; ich möchte jedoch zu meiner Verteidigung anführen, dass Labels wie “Masse” oder “the people” nicht präziser sind; (zurück zum Text).

[2] Es ist mir bewußt, das einige von mir anführte Beispiele nur auf Umwegen als widerständlerisch interpretiert werden können. Mehr noch: Sicherlich läßt sich das eine oder andere Beispiel als affirmativ, stabilisierend, pseudo-kritisch und vor diesem Hintergrund letztlich als reaktionär beschreiben (z. B. viele Erscheinungsformen von ‘User Generated Content’, die der Kulturindustrie freiwillig Produkte liefern, mit denen diese ihre Portale bestückt). Ich will dem nicht grundsätzlich widersprechen, suche aber v. a. optimistisch nach Kulturformen und -anteilen, die im Sinne emanzipatorischer Tendenzen interpretiert werden können. Siehe zu dieser Diskussion: Roberto Simanowski: Digitale Medien in der Erlebnisgesellschaft. Kultur – Kunst – Utopien, Rowohlt 2008, Berlin; (zurück zum Text).

[3] Rodrigo Boufleur: A Questão da Gambiarra (2006), S. 2, http://www.scribd.com/doc/9033571/TeseAQuestaodaGambiarra, abgerufen am 17.10.2011; (zurück zum Text).

[4] Frank Schweitzer: “Selbstorganisation von Wege- und Transportsystemen”, in: Teichmann, Klaus; Wilke, Joachim (Hg.): Prozeß und Form natürlicher Konstruktionen”, Berlin 1996, Seite 164-172, zitiert nach Sylvie Boisseau, Strategie zur Konstruktion der Identität funktionaler Orte, PDF-Dokument abgerufen unter http://www.filmerei.de/fileadmin/user_upload/PDFs/BOISSEAU_identitaet_funktionaler_orte.pdf am 14.11.2011; (zurück zum Text).

[5] Roberto Simanowski: Digitale Medien in der Erlebnisgesellschaft. Kultur – Kunst – Utopien, Rowohlt 2008, Berlin, S. 151; (zurück zum Text).

[6] “Da der Untergrund nicht bemalt oder anderweitig verändert wird, sondern lediglich partiell gereinigt ist, wird Reverse Graffiti meist als legal betrachtet. Diese Frage ist jedoch nicht abschließend geklärt.” http://de.wikipedia.org/wiki/Reverse_Graffiti, abgerufen am 14.11.2011; (zurück zum Text).

[7] Vgl. Einleitungstext der Herausgeberin in: Müller, Christa (Hg.): Urban Gardening. Vom Rückkehr der Gärten in die Stadt, München (oekom verlag) 2011; (zurück zum Text).

[8] Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Abgedreht, abgerufen am 23.11.2011; (zurück zum Text)

[9] Eine ähnliche Kultur beschreibt Levi-Strauss in “Das wilde Denken” mit Hinblick auf das “mytische Denken” unter dem Begriff der Bricollage: “In seinem ursprünglichen Sinn läßt sich das Verbum /bricoler/ auf Billard und Ballspiel, auf Jagd und Reiten anwenden, aber immer, um eine nicht vorgezeichnete Bewegung zu betonen: die des Balles, der zurückspringt, des Hundes, der Umwege macht, des Pferdes, das von der geraden Bahn abweicht, um einem Hindernis aus dem Weg zu gehen. Heutzutage ist der Bastler jeder Mensch, der mit seinen Händen werkelt und dabei Mittel verwendet, die im Vergleich zu denen des Fachmannes abwegig sind. (…) Der Bastler ist in der Lage, eine große Anzahl verschiedenartigster Arbeiten auszuführen; doch im Unterschied zum Ingenieur macht er seine Arbeiten nicht davon abhängig, ob ihm die Rohstoffe oder Werkzeuge erreichbar sind, die je nach Projekt geplant und beschafft werden müßten: die Welt seiner Mittel ist begrenzt, und die Regel seines Spiels besteht immer darin, jederzeit mit dem, was ihm zur Hand ist, auszukommen (…). Jedes Element stellt eine Gesamtheit von konkreten und zugleich möglichen Beziehungen dar; sie sind Werkzeuge, aber verwendbar für beliebige Arbeiten innerhalb eines Typus.” Das wilde Denken, Frankfurt a. M., 1973 (Suhrkamp), S. 29; (zurück zum Text)

[10] Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Appropriation_Art, abgerufen am 23.11.2011; (zurück zum Text)

[11] http://creativefreedomdefense.org/Results.cfm?category=12, abgerufen am 14.11.2011; (zurück zum Text).

[12] Times Online vom 19.12.2005, http://www.timesonline.co.uk/article/0,,2-1939678,00.html abgerufen am 05.06.2011 (aktuell nicht mehr verfügbar) bzw. http://www.mindfully.org/Health/2005/Barbie-Hate-Figure19dec05.htm, abgerufen am 14.11.2011; (zurück zum Text)

[13] Das Transkript des Vortrags “Freedom in the Cloud” von Eben Moglen ist abrufbar unter: http://www.softwarefreedom.org/events/2010/isoc-ny/FreedomInTheCloud-transcript.html, abgerufen am 23.11.2011; (zurück zum Text)

[14] Dem einen oder andere mögen Moglens Analyse und Schlussfolgerungen zu weit gehen; dazu empfehle ich die Geschichte von Mario R.: Das c’t Magazin für Computertechnik berichtete Anfang 2011 von dem Versuch, über die Analyse der im Web verfügbaren Daten eines Netzbewohners ein möglichst vollständiges Persönlichkeitsbild zu entwerfen. Mario R. arbeitet in einer Internetagentur und tummelt sich gerne im Web 2.0. Zunächst sah er kein Problem in diesem Testaufbau, hatte er doch willentlich und wissentlich seine Daten im Netz verstreut. Als er jedoch mit dem Umfang und Art der von den c’t-Redakteuren recherchierten Informationen über sich konfrontiert wurde, zog er seine Einwilligung für einen Artikel zurück. C’t veröffentlichte eine hinreichend anonymisierte Version. In der Einleitung heisst es: “Und wir wurden fündig: Profanes wie den Arbeitgeber und die berufliche Karriere, Banales wie Hobbys und Urlaubsreisen, aber auch Privates über Familienmitglieder, Freunde und vieles mehr. R. war zunächst nicht überrascht, als er von unserer Recherche erfuhr und sah keine Probleme in der Veröffentlichung. Als er allerdings den fertigen Artikel sah, widersprach er der Veröffentlichung. Wir haben daher die konkreten Details entfernt, die Rückschlüsse auf die Person erlauben.” (zurück zum Text)

[15] In Rio de Janeiro wurde vor einiger Zeit eine gesetzliche Kampagne mit dem Namen “Lei Seca” (das ‘trockene Gesetz’) initiiert, die offiziell die Zahl der durch Alkohol verursachten Verkehrsdelikte reduzieren soll. Dazu werden in großen Maßstab Verkehrskontrollen durchgeführt. Eine Gegenöffentlichkeit richtete den Twitterkanal “Lei Seca RJ” ein, der sich selbst folgendermaßen beschreibt: “Twitter for #BreakNews about Traffic Jam, Urban Violence, Blackouts, Police Checkpoints, Roadblocks and others in Rio de Janeiro, Brazil.” Der Kanal hat mittlerweile über 150.000 Follower und wurde für den Twitter Shorty Award nominiert. Jeder mag selbst beurteilen, ob die Warnung vor Straßenkontrollen als Beispiel für einen emanzipierten Gebrauch von Technik gelten kann. In der Initiative manifestiert sich jedoch neben dem moralisch zweifelhaften Primärzweck eine Kritik am öffentlichen Verkehrssystem, welches die Vororte nur mangelhaft abdeckt und ein Mißtrauen gegen die Ordnungsgewalt, die das ‘Lei Seca’ für andere Zwecke mißbraucht; als Indiz dafür wird gewertet, dass die Anzahl der bei den Kontrollen aufgedeckten Verkehrsdelikte im Zusammenhang mit Alkohol unter einem Prozent betrage. (zurück zum Text)

Kategorie: Allgemein, Antropofagia, Konsum, Kunst 3 Kommentare »

3 Reaktionen zu “Kreativität und Aneignung”

  1. Transit 4: Martin Butz « epilectric.net

    [...] Mein Transit-Referent Martin Butz hat soeben eine detaillierte Zusammenfassung seines Vortrags gebloggt: mkblog.org [...]

  2. fk

    mir gefällt der blog und das thema immer besser. musst ekürzlich dran denken. bitte weiter machen.

    hgfk

  3. marty

    Hallo fk,

    danke für die Blumen. Klar mache ich weiter, habe ja grad erst angefangen;)

    Beste Grüße
    mb