stARTcamp Köln: Es gibt keine Experten

Gedanken zum stARTcamp Köln 2011

Großer Saal beim stARTcamp (Foto von Harald Link unter der CC BY-NC 2.0)

Großer Saal beim stARTcamp (Foto von Harald Link unter der CC BY-NC 2.0)

Freitag, den 7. Oktober habe ich beim stARTCamp in Köln verbracht. Anke von Heyl, Wibke Ladwig und Ute Vogel haben ganze Arbeit geleistet: die Organisation war prima (bis auf das dumme Wlan), die Teilnehmer waren zufrieden bis enthusiastisch und die Verpflegung lecker.

Die Konferenzbeiträge in Form von Videoaufzeichnungen stehen schon weitestgehend online und diverse Berichte und Zusammenfassungen gibt es auch schon. Diese und weitere Ressourcen werden im Blog gebündelt und verlinkt.

Was habe ich mitgenommen?

Vor allem die Bestätigung einer schon etwas älteren Hypothese: Es gibt keine Experten. Jedenfalls nicht für Social Media. Annette Schwindt, die auf dem stARTcamp per Skype über Online-Zusammenarbeit berichtete, gab zu Protokoll, sie sei keine Expertin für Facebook und Konsorten. Angesichts der Tatsache, dass sie ein viel beachtetes Buch zum Thema im O’Reilly Verlag veröffentlicht hat, erscheint das fast kokett. In anderem Kontext aber durchaus passend, entdeckt Mattias Spielkamp bei Heise einen neuen Ausbildungsberuf: den Facebook-Einstellungsfachmann. IHK-geprüft. (Die Kölner IHK war übrigens auch mit Dr. Susanne Hartmann und einer Fallstudie zu Social Media beim StARTcamp präsent.)

Doch ich stimme ihr zu; vielleicht kann man es – etwas vorsichtiger – wie folgt ausdrücken: Nicht nur die Anwendungen und Dienste werden permanent weiterentwickelt, sondern auch die Experten; insofern haben wir nur noch ‚perpetual beta experts‘.

Die Welt, das Internet, die Technik werden zunehmend komplexer. Eine der vielen Konsequenzen dieser Entwicklung ist, dass, wo man auch hinschaut, vermeintliche Experten ihr Wissen als umfassend, unentbehrlich und wertvoll anpreisen. Eine weitere Konsequenz ist die Tatsache, dass via Netz das Expertum zunehmend infrage gestellt wird: Ärzten wird unbehaglich angesichts von Patienten, die Behandlungsmethoden vorschlagen, von denen der gute Doktor gerade erst selbst erfahren hat. Bankberater müssen sich mit Kunden auseinandersetzen, welche vor dem Gespräch durch eifrige Eigenrecherche dafür gesorgt haben, dass es unklar bleibt, wer wen gerade berät. Politiker müssen sich öffentlich zu Themen befragen lassen, von denen vorher kaum einer wusste, dass diese überhaupt existieren. Der großen Unsicherheit im Umgang mit den neuen Medien (wie u. a. auf dem stARTCamp deutlich wurde) korrelieren also – zumindest in einigen Bereichen – der Ausgang des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit. Niemand läßt sich mehr so einfach etwas erzählen. Wenn das stimmt, ist das gut.

Vermutlich ist dieses Misstrauen gegen die behaupteten Experten auch einer der Gründe für den positiven Erfolg der Piraten. Die ZEIT erklärt das folgendermaßen:

Kein Programm bedeutet: Wer will, kann mitschreiben. Keine starken Figuren heißt: Alle dürfen dabei sein. Wo es zum gängigen politischen Stil gehört, Unsicherheit aller Art zu kaschieren, pflegen die Piraten den demonstrativen Umgang mit ihren Schwächen. Das wirkt sympathisch, mitunter auch schon skurril. Als drei von ihnen kürzlich in Berlin vor die Bundespressekonferenz traten, um sich als neue politische Kraft vorzustellen, verweigerte der Bundesvorsitzende der Partei, Sebastian Nerz, jede Aussage zu aktuellen Fragen der Finanzkrise. „Im privaten Gespräch“ dürfe man ihn gern danach fragen, doch die Partei müsse nun zusammen mit der Netzgemeinde erst einmal Antworten entwickeln.

Natürlich wird viel darüber diskutiert, ob Google, Facebook und Twitter nun gut, böse, innovativ, unwichtig oder sonstwas sind oder werden, ob das Netz zur Aufklärung und demokratischen Entscheidungsfindung beiträgt, oder eher im Gegenteil, zu unserer Verdummung und endgültigen Auslieferung an die hoch gerüstete Werbeindustrie. Wenig ist im Moment wirklich klar, aber vor allem im Marketing scheint man so zu denken (oder besser: zu fühlen), wie Stewart Brand es einmal flott formuliert hat: „Technologie ist wie eine Dampfwalze: Entweder man fährt mit oder man wird zum Straßenbelag.“

Kategorie: Allgemein Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “stARTcamp Köln: Es gibt keine Experten”

  1. Annette Schwindt

    Wie ich in meinem Artikel zu meinem stARTcamp-Beitrag schon sagte:

    „Wir sind alle Nutzer. Die einen vielleicht intensiver als die anderen und manche – wie ich – entwickeln sich zur Anlaufstelle für ein bestimmtes Thema. Aber ohne meine Community könnte ich das nicht leisten.“

    Das war nicht kokett gemeint, sondern ist die reine Wahrheit.

    Aber auf „Perpetual Beta Expert“ könnten wir uns meinetwegen einigen! ;-)