Thoughtless Acts – Design durch Aneignung

Papiertaschentücher im Küchenschrank

Hält der Schrank die Taschentücher fest? Hält die Packung die Türe zu? Provisorium? Gambiarra? Kunst?

IDEO ist eine “weltweit agierende Innovationsberatung” und setzt dazu u. a. die Methode des “Design Thinking” ein; damit findet man ‘innovative Lösungen’ für ‘komplexe Probleme’. Klingt gut soweit. Jane Fulton Suri – geschäftsführende Gesellschafterin von IDEO – hat 2005 ein interessantes Fotobuch (mit ein wenig Text) veröffentlicht, welches den Gedanken nahelegt, dass auch ‘innovative Lösungen besonders komplexer Probleme’ mit einfachen Feststellungen beginnen. Fulton Suri hat die Menschen in den Großstädten beobachtet und fotografisch dokumentiert, was sie so tun, wenn sie Wege zurücklegen, Orte und Dinge gebrauchen und miteinander kommunizieren. Das Buch trägt den Titel “Thoughtless Acts? Observations on Intuitive Design”. Viele der beobachteten Gesten fallen für mich unter das Label “Design durch Aneignung”, eines der Themen dieses Blogs:

  • In der Stadt finden sich mannigfaltige Gelegenheiten, den Körper anzulehnen, abzustützen, abzulegen oder sich hinzusetzen; die besten ‘Stadtmöbel’ werden entdeckt und genutzt, als wären sie einzig und alleine dazu geschaffen, einen müden, wartenden oder genießenden Körper aufzunehmen wie eine Le Corbusier Liege.
  • Die Wahrnehmung wird vom urbanen Menschen auf vielerlei Arten fokussiert, gebündelt und vor Ablenkung geschützt: Er oder sie nutzt die akustisch vorteilhafte Ecke beim Telefonieren in der Öffentlichkeit; die Hand an der Schläfe vor der Schaufensterscheibe, welche vor Spieglung und Streulicht schützt und einen Blick in das Innere des Geschäftes erlaubt; die Zeitung, die als Lesestoff und gleichzeitig als Sonnenschutz dient.
  • Wir kennen auch viele Arten der Befestigung (der Hund am Straßenschild), der temporären Lagerung oder Sicherstellung (die Einkaufstüte zwischen den Beinen, die Tasche auf den Knien in der U-Bahn, die Mappe im Mund).

Abbildungen, die ich aus urheberrechtlichen Gründen hier nicht zeigen kann, finden sich bei IDEO und auf der Site zum Buch. Bei Flickr kann jeder Fulton Suri bei Ihren Forschungen mithelfen und eigenes Bildmaterial beisteuern.

So passen wir örtliche Gegebenheiten, Gegenstände und Räume im alltäglichen Gebrauch an unsere Bedürfnisse an – oft gegen den ursprünglich beabsichtigten Zweck der professionellen Stadtplaner und Designer. Die Beispiele sind oft unspektakulär, zeigen aber in ihrer Gesamtheit, wie wir uns im Raum orientieren, Kontakt befördern oder Privatheit suchen, die Realität zurechtbasteln, die Gegebenheiten umdeuten, um damit immer wieder unsere Bedürfnisse im vorgängig gestalteten Umfeld befriedigen.

Am Ende des Buches finden sich kurze Kommentare zu den Fotos, die eine mögliche Lesart des Dargestellten nahelegen, jedoch auch dazu anregen, die Motive, Gesten und Aktivitäten selbst und anders zu interpretieren. In einem kurzen Text beschreibt Fulton Suri, wie diese Sammlung ‘gedankenloser Akte’ begann: Ein Schwarzweißfoto aus den siebziger Jahren zeigt einen lachenden Jungen, der in einem Glasgower-Hochhaus-Wohngebiet die Außentüre zum Heizungsraum erklommen hat und diese nun mit Hilfe seiner Freunde als bewegliches Turngerät zweckentfremdet:

Who had thougt about the needs of ten-year old boys in designing this housing complex? And who, having witnessed the behaviour of ten-year-old boys in almost any culture in the world, could fail to notice how they are attracted by opportunities to move and challange pyhsical limits?” [1]

So einfühlsam und sozialkritisch diese Beobachtung ist, so sehr wird sie durch das Programm des Buches konterkariert: Fulton ist Designerin einer angesehenen und teueren Design-Agentur; sie nutzt ihre Beobachtungen als kreatives Reservoir, um ‘werthaltige’, ‘bedarfsgerechte’ Industrieprodukte im Sinne des Konsumenten zu schaffen. Doch letztlich dient ihr Interesse nur der kleinen Käuferschicht, die sich die von ihrer Agentur mit besten Absichten geschaffenen Produkte auch leisten kann.

Der Spaß für den größten Teil der Menschheit besteht (hoffentlich) darin, vorkonfektionierte Produkte ihrer von der Industrie und den Designern ursprüngliche vorgesehenen Verwendung zu entfremden und diese sich anzueignen. Fulton Suri schreibt: “(…) the world doesn’t need a unique design solution for every creative adaption we see (…)”  [2]. Richtig. Was diese Welt braucht, sind mehr ungehorsame, eigensinnige und kreative Menschen. Womit wir bei den brasilianischen “Gambiarras“  angekommen sind (deren Brüder und Schwestern im Geiste sich im übrigen auf der ganzen Welt tummeln), für die ich aber (mindestens) einen späteren Beitrag reserviert haben.

Fussnoten:

[1] Fulton Suri ,Jane (IDEO): Thoughtless Acts? Observations on Intuitive Design, San Francisco (Chronicle Books) 2005, S. 163.

[2] Ebd. , S 167.

Kategorie: Allgemein, Antropofagia, Design, Konsum Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Thoughtless Acts – Design durch Aneignung”

  1. Was ist ein Gambiarra? - MKBlog

    [...] Martin Butz: Thoughtless Acts – Design durch Aneignung (Blogbeitrag): http://www.mkblog.org/?p=154 [...]