Le Parkour

Die Aneignung von öffentlichem Raum – Teil 2

Daniel Ilabaca balanciert wie eine Katze. Foto von Jon Lucas, 01.12.2007

Daniel Ilabaca balanciert wie eine Katze. Foto von Jon Lucas, 01.12.2007

In den 80-Jahren lernte David Belle [1] von seinem Vater Raymond Belle die „Méthode Naturelle“ [2]. Der Vater – ein ehemaliger Vietnamsoldate – hatte sich eine zweckmäßige Bewegungstechnik angeeignet, mit der er sich im Wald und anderem unwegsamen Gelände zurechtzufinden konnte. Die ’natürliche Methode‘ ist eine Art Naturphilosophie des Körpers und seiner Bewegung im Raum: Es geht in einem umfassenden Sinn darum, sich unter Einsatz und fortlaufender Ausbildung des gesamten Körperpotentials und im Einklang mit den Bedingungen der jeweiligen Umgebung fortzubewegen. Le Parkour, offiziell von Belle erfunden und propagiert, ist einer der Nachfolger der „Methode Naturelle“ – auch wenn wohl früher damit begonnen wurde, die Waldläufertechnik in den Stadtraum zu übertragen [3].

Le Parkour ist eine sanfte und gleichzeitig radikale Art und Weise, den öffentlichen Raum (wieder-)anzueignen. Sanft, da der Raum und seine Gegebenheiten nicht verändert, sondern ausdrücklich akzeptiert werden. Den Traceuren geht es darum, jedes Hindernis als Herausforderung zu begreifen, die Fähigkeiten des eigenen Körpers auszubilden und zu verfeinern. Das Risiko der Verletzung durch die halsbrecherischen Aktionen wird durch Übung weitgehend reduziert. Darüber hinaus betont Le Parkour des Respekt vor den anderen, weniger akrobatisch begabten Mitmenschen, die sich auf traditionelle Art und Weise durch den urbanen Raum bewegen.

Aber „Le Parkour“ ist auch radikal und subversiv:

  • Der Raum wird entgrenzt, der Traceur tendiert dazu per Luftlinie zu reisen, also den direkten Weg zu nehmen.
  • Der Raum wird unter Bedingungen genutzt, die nicht vorgesehen und vereinbart wurden. Der Traceur verlässt methodisch den vorgeschriebenen Weg.
  • Die Akrobatik, so wie sie der Traceur übt, gehört ihrer Tradition nach eher in Zirkus als ins Sportstation; sie hat ein karnevaleskes Moment darin, dass sie spektakulär aussieht und zuweilen verboten oder verkehrsgefährdend erscheint.
  • Wer sich so ungehemmt im Stadtraum bewegen kann, der ist eine potentielle Bedrohung, weil er überall hingelangt, jederzeit flüchten kann und dabei durch keine Barriere aufgehalten werden kann.

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/David_Belle, URL abgerufen am: 01.06.2011
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%A9thode_Naturelle, URL abgerufen am: 01.06.2011
[3] Video auf Youtube zur „Methode Naturelle“ in den 30er Jahren; man beachte den 1. Kommentar unterhalb des Videos: Donna Ciampa stellt im Video ihren eigenen Vater vor, der offensichtlich gut in Form war; URL abgerufen am: 01.06.2011

Kategorie: Allgemein, Antropofagia, Raum 2 Kommentare »

2 Reaktionen zu “Le Parkour”

  1. Grütze

    Parkour soll also radikal und subversiv …

    Wenns sooo schlimm ist, die Grenzen des grauen Alltags zu durchbrechen können wir uns auch wieder vor den PC hocken, Killerspiele spielen und in der nächstbesten Schule Amok laufen.

    Mal ehrlich, das hört sich extremst nach ner objektiven Meinung an. -> Mülleimer bitte!

  2. Martin

    Qualifizierter Beitrag. Danke für den Input.

    Gruß
    Martin