Street Art

Zur Aneignung von öffentlichem Raum – Teil 1

Banane mit Dame, Graffiti aus dem Bremer 'Viertel' (Foto: M. Butz)

Öffentlicher Raum ist ein Gemeingut. Es ist der Raum der von uns allen belebt, bewohnt, bespielt und genutzt wird. Im Gegensatz zu privatem Raum: Der Raum über den der einzelne verfügt, wo er oder sie bestimmen kann, wer hinein darf, wer den Raum gestaltet, wer dort sprechen darf. Diese Trennung ist sinnvoll und gemeinhin unwidersprochen. Ich will nicht, dass irgendwer sich ohne mein Einverständnis in meiner Wohnung aufhält, die Wände bemalt oder den Fernseher anstellt. Der öffentliche Raum hingegen ist neben der einvernehmlichen Nutzung auch der Raum der Debatte darüber, wer mit welchem Anspruch die Nutzung des Raums geltend machen darf und kann. Wird öffentlicher Raum überreguliert oder privatisiert, verschwindet die Vielfalt und das öffentliche Leben.

Unternehmen tendieren dazu öffentlichen Raum zu besetzen. Ihrer Natur (Streben nach Bekanntheit) und ihrem Potenz (Einfluss durch Geld) entsprechend, betrachten Unternehmen den öffentlichen Raum als Gebiet, welches es zu erobern gilt. So wird der öffentliche Raum zum Schauplatz von Auseinandersetzungen: Es wäre zu kurz gegriffen, einfach nur nach dem Mittel gesetzlicher Regulierungen zu rufen. Naomi Klein bemerkt zu Thema vor 11 Jahren:

Doch heute lässt sich allmählich ein Muster erkennen: Da mehr und mehr Unternehmen die alleinseligmachende Marke sein wollen, in deren Schatten wir konsumieren, Kunst schaffen und sogar wohnen, wird das Konzept des öffentlichen Raumes vollig neu definiert. Und innerhalb dieses realen und virtuellen Markengefüges stoßen die Möglichkeiten für markenlose Alternativen, offene Diskussionen, Kritik und unzensierte Kunst – kurz, für die freie Auswahl – auf neue und verhängnisvolle Beschränkungen. [1]

Einer der Ursprünge von Street Art liegt darin, die eigene Präsenz im öffenlichen Raum zu bekunden. Diese Zeichen sagen: “I was here!”. Graffiti [2], Stencil [3] oder Paste-Up [4] steht für die Parole “reclaim the streets” – nicht immer aber vielfach, mal elaboriert und künstlerisch oder trivial und unbeholfen.

Damit trägt Street Art zu Gestaltung des öffentlichen Raums bei; neben den überall gegenwärtigen Reklametafeln, Beschriftungen und offiziellen Botschaften wie Straßen- und Verkehrsschilder.

Da die Orte und Flächen meist nicht ordnungsgemäß erworben, gemietet oder mit Einverständnis des Eigentümers verziert werden, kollidiert Street Art mit allen, die ihr Eigentum beschädigt sehen oder sich von den Äußerungen im öffentlichen Raum belästigt fühlen: In ihren Augen handelt es sich um Schmierereien, Gekritzel, Sachbeschädigung und letztlich: Störung der öffentlichen Ordnung.

Die Bundesbahn beispielsweise behauptet auf ihren Anti-Graffiti-Plakaten: “Das braucht niemand” [5]. Es käme auf einen Versuch an, ist aber gut möglich, dass die Bahn besser fahren würde, wenn Sie eine echte und offene Debatte über Wohl und Wehe der Bemalungen einleiten würde. Wie wäre es beispielsweise mit einem Blog zum Thema? Ein paar Ideen dazu:

  • Die besten Graffitis des Monats werden dokumentiert und ausgestellt, bevor (wenn überhaupt) diese beseitigt werden. Eine spezielles Gremium der Bahn trifft eine Vorauswahl (Vorsitz: Dr. Rüdiger Grube), die Leser entscheiden.
  • Auf ähnliche Weise wird der “Flop des Monats” gewählt.
  • Die Bahn AG plaudert aus dem Nähkästchen und klärt über echte Sicherheitsprobleme auf, die durch Sprayer entstehen.
  • Ein weiteres Thema, welches über das Blog kommuniziert und zur Diskussion gestellt werden könnte: Wieviele Arbeitsplätze erfordert – und pikanterweise sichert – die überwiegend illegale Aktivität der Sprayer für die Entfernung der Bemalungen, für Wachdienste und für die Anschaffung und den Betrieb von Überwachungstechnik? Die Bahn erkennt selbst [6], “dass die Graffitikultur inzwischen kommerzialisiert ist. Die Farbindustrie bietet den Sprayern ein umfangreiches Produktsortiment und diverse Utensilien an, produziert aber auch gleichzeitig diverse Schutzlacke und Folien für die Geschädigten. Auch andere Wirtschaftsbereiche profitieren davon.”

Birgit Anna Schumacher und Uwe Jonas fassen die aktuelle Bahn-Attitüde zusammen:

Ganz entgegen ihrer Behauptung, die Bahnhöfe zu ‘urbanen Marktplätzen und Kommunikationsorten’ gestalten zu wollen, geht es ihr in Wirklichkeit ‘um die Durchsetzung von Normen, die eher für Vororte oder Kleinstädte typisch sind: konforme Verhaltensstandards, hohe soziale Kontrolle und vor allem keine Unordnung.’ [7]

Wie inspirierend, klar und kritisch Street Art sein kann, zeigt beispielsweise der Brasilianer Alexandre Orion [8]. Er malt in die von Autoabgasen verdreckte Wand des Max Feffer Tunnels in São Paulo. Der Begriff “reverse graffiti” bezeichnet diese Technik [9].

Offensichtlich muss die brasilianische Polizei einschreiten und das Werk der Säuberung zuende bringen lassen. Nur teilweise und sehr zielgerichtet gereinigt, offenbaren die Höhlenzeichnungen erst den ganzen Dreck, den alle anderen zurücklassen. Bislang scheint es umstritten, ob Reverse Graffiti wirklich strafbar ist, da beispielsweise nach deutschem Recht nur betraft wird, “wer unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert.” [10]

Fußnoten

[1] Naomi Klein: No logo! Der Kampf der Global Players um Marktmacht. 4. Auflage. München, Goldmann 2005, S. 146 (Originalausgabe unter dem Titel: No Logo: Taking Aim at the Brand Bullies. Knopf, Canada 2000)

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Graffiti, URL abgerufen am: 29.04.2011

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Stencil, URL abgerufen am: 29.04.2011

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Paste-Up, URL abgerufen am: 29.04.2011

[5] Leider habe ich es versäumt, dass das entsprechende Plakat abzulichen. Aber auch andere Beispiele des Bahn-Marketings lassen vermuten, dass die Bahn nicht wirklich den richtigen Ton trifft.

[6] http://www.mach-nicht-alles-kaputt.de/graffiti/view/graffiti/eigentum.shtml, URL abgerufen am 23.04.2011

[7] http://www.okkupation.com/theorie/link_1.htm, URL abgerufen am: 22.04.2011; Öffentlicher Wandel und Stadtraum, von Uwe Jonas und Birgit Anna Schumacher; Zitat in einfachen Anführungen mit Hinweis auf: Klaus Ronneberger (2000). Die neofeudale Erlebnisstadt. In: Michael Häupl (Hg.): Das Neue und die Stadt. Wien, S. 130
[8 ] Englischsprachiger Wikipedia-Eintrag zu Alexandre Orion, http://en.wikipedia.org/wiki/Alexandre_Orion, URL abgerufen am 22.04.2011

[9] http://de.wikipedia.org/wiki/Reverse_Graffiti, URL abgerufen am 29.04.2011

[10] Video zur Aktion von Alexandre Orion auf Youtube, http://www.youtube.com/watch?v=JwsBBIIXT0E, URL abgerufen am 23.04.2011

Kategorie: Allgemein, Antropofagia, Kunst Kommentare deaktiviert

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