Who Eats Who

1998 lernte ich Roberto Cabot kennen. Cabot ist Künstler französisch-brasilianischer Abstammung und lebt und arbeitet in Brasilien. Zu jener Zeit plante er ein Projekt mit dem Titel “Who Eats Who”.  Ich hatte das Vergnügen zusammen mit ihm eine kleine Website zu entwerfen, die Projekt und Hintergrund darstellen sollten. Es ging in diesem frühen Stadium darum, Sponsoren für die geplante Idee zu gewinnen.

Das Projekt setzt vier Komponenten miteinander in Bezug:

Geplant war eine 3-fache Projektion des Films auf die riesige Fassade des Hotels, welches seit 1923 an der Copacabana steht. Planer dieses kollonialen Prachtbaus ist der französische Architekt Joseph Gire, Urgroßvater von Cabot.

“How Tasty Was My Little Frenchman” erzählt die Geschichte eines französischen Soldaten, der im 16. Jahrhundert vor der Küste Brasiliens – ungefähr dort, wo heute Rio de Janeiro liegt – von den Tupinamba gefangen genommen wird.

Die Tupinamba waren ein Indianervolk und kämpften an der Seite der französischen Kolonialisten gegen die Portugiesen und den mit diesen alliierten Nachbarstämmen. Irrtümlich hielten sie den armen Soldaten für einen Portugiesen, weshalb sie ihn über kurz oder lang aufessen wollten. Zum Glück konnte er gut mit Kanonen umgehen und half den Eingeborenen so im Kampf gegen deren Feinde.

Die drohende Verspeisung bedeutete weniger die Bestrafung, nein eher eine Form der Wertschätzung, die im Kannibalismus eine symbolische Rolle spielt: Der andere wird für seine Stärke und Überlegenheit bewundert, das Verschlingen dient dazu an diesem Anderen und damit an seiner Macht teilzuhaben. Der unglücklich Franzose lebte vor dem Mahl noch längere Zeit mehr oder weniger glücklich bei den Tupinamba, assimilierte deren Lebensweise und heiratete sogar eine Tupinamba-Frau.

Emanzipatorisch ist der Film u. a. deshalb, weil hier die Zivilisation von den ‘Wilden’ kultiviert und schlussendlich mit dem Körper des Franzosen metaphorisch vereinnahmt wird. Soweit einige Worte aus zweiter Hand zum Film, den ich bislang leider noch nicht sehen konnte.

1922 – also ein Jahr bevor das Copacabana Pallace eingeweiht wurde – fand in São Paulo die “Woche der Modernen Kunst” statt: ein Festival, welches den brasilianischen Modernismus einläutete. Dichter, Maler und Musiker forderten mit dieser für bürgerliche Vorstellungen skandalösen Veranstaltung ein neues Bewusstsein der brasilianischen Identität jenseits traditioneller Kulturvorstellungen und kolonialen Einflusses.

“Der 29jährige Mário de Andrade, der Vater der brasilianischen Moderne, forderte im Namen aller Künstler das Recht auf Selbstbestimmung der ästhetischen Werte, die Aktualisierung der brasilianischen Kunst sowie die Bildung eines kreativen Nationalbewusstseins.” (Ursula Prutsch)

Der Dichter Oswald de Andrade (nicht verwandt mit dem obigen Mário) veröffentlichte 1928 das “Anthropophagische Manifest”. Das Manifest fasst die Position des brasilianischen Modernismus auf poetische Weise zusammen: Die anthropofagische Einstellung begegnet dem Fremden aneignend; was interessiert wird verschlungen, verarbeitet, vereinnahmt und damit in eigenes umgewandelt. So emanzipierte Andrade z. B. das brasilianische Portugiesisch – vormals als Schrumpfform der Sprache der Kolonialherren abgewertet – zur führenden Sprache. Die europäische Avandgarde, die Kulturschätze der (fremden) Tradition werden geplündert und mit ‘wildem Denken’ gekreuzt: “Mich interessiert nur, was nicht mein ist. Gesetz des Menschen. Gesetz des Anthropophagen.”

Zurück zu Cabot und dem Projekt “Who Eats Who”: Der Film wird auf das Hotel projiziert. Das Hotel ist steingewordener Ausdruck einer Stadtplanung mit deutlich kolonialen Zügen. Dort wohnen die fremden Reichen mit bestem Blick auf den Strand. In bester kolonialer Tradition besetzen sie die besten Plätze und zeigen damit ihre Macht. Indem nun der Bau im Lichte der anthropophagischen Geschichte erscheint, wird er zweckentfremdet und wieder angeeignet: Cabot eröffnet einen Resonanzraum, in dem sich die Geschichte des Kolonialismus, seiner eigenen zweiseitigen Herkunft und der jüngeren Kultur Brasiliens mit der Geschichte des Films vermischt und vieltönig widerhallt.

Dieses Projekt wurde für mich Anlass, über die Idee der Aneignung im anthropophagischen Sinn nachzudenken. Auf der Grundlage von Andrade’s Vorgabe verstehe ich vorläufig die „Antropofagia“ als Metapher, welche eine grundsätzliche Form der emanzipatorischen Sinnstiftung und kreativen Weltaneignung beschreibt: Der – metaphorische – Anthropophage will kennen und können, besetzen und besitzen, was ihm fehlt, ihn dominiert und überlegen erscheint oder gar de facto ist. Er will zu sich selbst kommen, seine Identität herstellen, indem er das Fremde und Begehrte zum Teil seiner selbst macht. Die Eigenschaften, Vermögen und Fähigkeiten seiner Widersacher ängstigen und faszinieren ihn zugleich; sie sollen durch die rituelle Einverleibung gebannt und im Selbst aufgehoben werden (aufgehoben im schönen Hegel’schen Dreisinn: auflösen, aufbewahren, erhöhen).

Noch weiter gedacht und auf die kulturelle Umwelt übertragen: Die Dekomposition, das Auseinanderpflücken, die Ignoranz gegenüber dem ursprünglichen Zusammenhang der Teile erschafft einen neuen Sinn. Indem der vormalige Kontext eines Gegenstands (einer Idee, einer Technologie, eines Verbraucherangebots) ignoriert, die Gebrauchsanweisungen und Nutzungsgebote missachtet werden, macht der Antropophage sich und den Seinen den Gegenstand des Interesses zu eigen.

Anthropophagen sind Hacker im Sinne „experimentierfreudige(r) Personen, die mit ihren Fachkenntnissen eine Technologie beliebiger Art außerhalb ihrer normalen Zweckbestimmung oder ihres gewöhnlichen Gebrauchs benutzen.“ (Wikipedia)

Der so verstandene Anthropophagismus ist eine kulturelle, emanzipatorische und aufklärerische Praxis, die besonders dann deutlich hervortritt, wenn reale und symbolische Herrschaft über Territorien (z. B. urbane Öffentlichkeit), Vorschriften und Kontrollmechanismen (z. B. Copyright, Überwachungsstrategien), Meinungenen und Diskurse (Medienöffentlichkeit, Werbung) auf die Kreativität von Individuen trifft, die sich noch nicht oder nicht mehr im Sinne der Dominanzkultur ‘zivilisiert’ verhalten.

Was sich aus diesen Hypothesen ergibt, welche Beispiele für anthropophagisches Denken und Handeln sich finden oder konstruieren lassen, dies will ich hier beschreiben, bearbeiten und – hoffentlich mit der Hilfe Anderer – weiter erforschen.

Kategorie: Antropofagia, Kunst Kommentare deaktiviert

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